James Baldwin: Nach der Flut das Feuer

verfasst am 09.06.2020 von | 1 Kommentar
Rubriken: Baldwin, James, Essay/Vortrag

Im Jahr 2008 stürmte ein Mann namens Barack Obama ins Weiße Haus und die ganze Welt war begeistert. „Yes we can!“ schien zu heißen, dass wir das Alte überwinden können und die Menschen, die Amerikaner, einen weiten moralischen Sprung nach vorne machen könnten.

Doch die Weißen, die Rassisten unter ihnen, wollten es niemals zulassen, dass ein Mann mit Wurzeln in Afrika, einer, der keine weiße Hautfarbe hat, ein erfolgreicher Präsident wird. Anstatt endlich, 150 Jahre nach dem offiziellen Ende der Sklaverei in den USA, das Land zu den „United“ States zu machen, rüsteten die Rassisten auf. Um am Ende einen der ihren, Donald Trump, im Jahr 2016 ins Weißen Haus zu wählen. Auf den Moment der Hoffnung folgte ein Moment der Ernüchterung – das Land war noch lange nicht so weit, alle Menschen als gleich und gleichberechtigt zu betrachten.

Was hat das nun alles mit einem Essay aus dem Jahr 1963 zu tun?

James Baldwins Essay erklärt uns/jenen, deren Hautfarbe weiß ist, wie der Rassismus auf die wirkt, die ihm ausgesetzt sind. Deren Leben beginnt gewissermaßen mit einem negativen Kontostand und eine Mehrheit der Betroffenen schafft es zeitlebens nicht, wenigstens auf einen ausgeglichenen Stand zu kommen. Was auch immer in den Gesetzen geschrieben sein mag: der Rassimus ist allgegenwärtig (Baldwin meint damit zwar das Jahr 1963 – doch heute, im Jahr 2020 ist es beinahe noch schlimmer geworden, dank des Erstarkens der Rechtsextremen).

Rassimus ist dabei nicht (nur), wenn man dunkelhäutige Menschen diskrimiert, wenn es Rassentrennung gibt, wenn Afro-Amerikaner immer wieder der Polizeigewalt ausgesetzt sind. Rassismus ist es auch, wenn in der Kirche die Religion der Weißen gepredigt wird, die Demut vor allem von den Nicht-Weißen einfordert, wenn unter Weißen diskutiert wird, wie man denn nun Menschen mit anderer Hautfarbe bezeichnen soll, ja, wenn man es überhaupt erwähnen muss, welche Hautfarbe jemand hat, als ob damit schon alles über den betroffenen Menschen gesagt wäre. Hier drängt sich der direkte Zusammenhang mit dem Antisemitismus auf.

Diesen Essay heute zu lesen macht vor allem eines klar und deutlich: die 57 Jahre seit der Veröffentlichung haben die Grundlagen, auf denen sich Rassismus entwickelt, nicht verändert. Das Gegenteil ist der Fall. Wer aber nun betroffen und erschüttert auf die USA blickt und mit dem Finger auf die Amerikaner zeigt, liegt völlig falsch: der Rassismus ist ein zerstörerische Krankheit, an der alle Länder der Welt leiden.

James Baldwin erzählt auf rund 70 ungemein intensiven Seiten vom Aufwachsen, von den Einflüssen, von den Hindernissen auf dem Weg zum Erwachsenen. Er erzählt vom Einfluss der Religionen, die in ganz unterschiedlicher Weise versuchen, die schwarze Bevölkerung in ihren Bann zu ziehen: die christlichen Kirchen möchten zur Duldung und Demut erziehen, der Islam (hier in Gestalt der „Nation of Islam“) den Führungsanspruch der Weißen durch den Führungsanspruch der Schwarzen ersetzen und damit den Rassimus einfach umkehren. Für Baldwin sind beide Wege keine Option, denn weder ist es für ihn angebracht, sich den Weißen anzupassen, noch ein Unrecht durch ein anderes Unrecht zu ersetzen.

Man muss diesen Essay lesen, um wenigsten einen kleinen Einblick zu bekommen, wie unser Verhalten auf Menschen mit dunkler Hautfarbe wirkt – und welche Folgen es hat, dem Rassismus nicht ständig entgegen zu treten (oder ihn, wie Trump, zu unterstützen). Wer aber nicht in einer Welt voller Diskriminierung aufgewachsen ist und diese nicht selbst erfährt, kann wohl kaum erahnen, wie es den Betroffenen geht.

Um den Bogen zurück zu Barack Obama zu schlagen: Bobby Kennedy sagte in den 1960er-Jahren, ein Schwarzer könne in vierzig Jahren durchaus Präsident der USA werden. Wenn James Baldwin das in seinem Essay erwähnt, dann nicht, weil er daran glaubte, sondern weil er das als reine Fiktion betrachtete. Und obwohl es doch so kam, war die Wahl Obamas nicht ein Symbol für eine Änderung der Gesellschaft sondern – jedenfalls aus derzeitiger Sicht – nur das Signal für die Rassisten, sich neu zu organisieren. Im gegenwärtigen Zustand müssten sich die USA ehrlicherweise in DSA – Divided States of America – umbenennen.



RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 1 Kommentar


  • Kommentar von  Mikka Gottstein am 13.06.2020 um 18:03 Uhr Uhr

    Hallo,

    ich weiß noch: als ich das erste Mal hörte, dass Barack Obama für die Präsidentschaftswahl antreten würde, habe ich begeistert meine Mutter angerufen. Doch sie, die ihre Kindheit und frühe Jugend in den USA verbracht hatte, war skeptisch. „Ich glaube nicht, dass die Gesellschaft dort schon so weit ist“, sagte sie. „Eher wählen sie eine Frau, und auch das dauert bestimmt noch einige Jahre.“

    Tja, sie lag damit falsch – aber auch wieder richtig. Er wurde gewählt, aber die Rassisten waren noch lange nicht so weit, ihm als Präsidenten auch eine faire Chance zu geben. Ich könnte schreien, wenn Trump immer noch ALLES, was irgendwie schiefläuft, auf Obama schiebt, und seine Anhänger das auch noch glauben. Wie lachhaft, dass Obama selbst daran schuld sein soll, wie sich die Corona-Krise in den USA entwickelt hat… Während Trump einen unglaublichen, gefährlichen Unsinn von sich gibt und seine anfänglichen Aussagen zur Krise dreist einfach umdreht.

    Gah. Trump und seine Anhängerschar bringen meinen Puls regelmäßig auf 180!

    Aber zu James Baldwin, einem wesentlich intelligenteren Mann als Trump (was allerdings kein Kunststück ist): Ich habe bisher zwei seine Bücher gelesen, habe aber vor, auch die restlichen noch zu lesen. Ich bin froh, dass diese Neuausgaben ihn wieder mehr ins Licht der Aufmerksamkeit rücken!

    Ein vor 57 Jahren erschienener Essay über Rassismus und seine Auswirkungen sollte nicht mehr so relavant und aktuell sein, wie er es leider immer noch ist… Die Frage ist auch, ob sich „I can’t breathe!“ zu einer echten Bewegung entwickeln kann, die eine Umkehr bewirkt – oder ob das nur mit mehr und mehr Gewalt und Propaganda im Keim erstickt wird (no pun intended). Ich könnte kotzen, wenn ich die Verschwörungstheorien lese, die beweisen sollen, dass der Tod von Georg Floyd ein Fake ist (angeblich habe er ja quietschfidel seine eigene Beerdigung besucht!) – eine Intrige, um schwarze Gewalt zu rechtfertigen.

    Alles, um nur nicht die eigenen Fehler in Erwägung zu ziehen.

    Aber das ist genug Gewüte gegen Trump und Consorten…

    LG,
    Mikka

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