Ulrike Ackermann: Das Schweigen der Mitte
Wege aus der Polarisierungsfalle

verfasst am 02.04.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Ackermann, Ulrike, Politik

Ein Buch, das bestens dazu anregt, sich mit dem gegenwärtigen öffentlichen Diskurs zu beschäftigen, über die dominierenden Themen unserer Zeit (zivilisiert) zu streiten und zu diskutieren; und auch ein Buch, das in den vielen enthaltenen Verweisen und Hinweisen ein Ummenge an Quellen erwähnt, die man sich ebenfalls genauer ansehen könnte.

Wenn es im ersten Kapitel damit beginnt, die „Intellektuellen“ und deren Wirken zu beschreiben, dann ist hier für mich schon der erste Diskussionspunkt eröffnet: denn wer ist denn intellektuell, wer definiert jemanden als intellektuell und was sind die moralischen Ansprüche an Intellektuelle; als allererstes Kriterium würde ich eine Äquidistanz zu den extremen Rändern definieren wollen. Das aber findet nicht statt, denn Extremismus gibt es links UND rechts im politischen Spektrum und in den Religionen. Das Negieren bzw. Relativieren dieses Umstandes verschafft dann am Ende wieder nur den Rechtnationalisten reichlich Stoff, um gegen die „Linken Eliten“ zu schimpfen.

Rein formal betrachtet, wirkt dieses Buch auf mich wie eine Aneinanderreihung von Vorträgen zu den Themen; jedes der Unterkapitel ist mehr oder weniger in sich geschlossen und ließe sich auch alleine präsentieren bzw. vortragen.

Die Themen sind dabei weitgehend alle, die seit Jahren unsere Kommunikation, unser Miteinander, die Meinungsbildung und Informationsübermittlung dominieren:

  • Chancen und Gefahren der direkten Ansprache der Informationsempfänger durch Verbreiter. Die Krise des  klassischen Journalismus, Zeitungen, Fernsehen, die einerseits Reichweiten verlieren, andererseits durch die Kampagnisierung der Informationsverteilung immer öfter von Politikern angegriffen werden.
  • Durch diese Demokratisierung der Informationsverbreitung entstanden, ganz allgemein betrachtet, Chancen und Gefahren: ohne Social Media wäre #MeToo wohl niemals zu einer weltweiten Bewegung geworden; ohne Social Media hätten es die Rechtsnationalisten aber auch nie geschafft, aus der Flüchtlingskrise des Jahres 2015 mit Lügenkampagnen einen solchen Aufschwung zu bekommen.
  • Ein sehr breites Feld ist jenes der Meinungsfreiheit und wie die Polarisierung zwischen LINKS und RECHTS voran schreitet. Viele tagesaktuelle Themen, wie beispielsweise der Umgang mit Geflüchteten, lassen sich kaum noch emotionsfrei ansprechen, alles wird umgehend in eine fertige Schublade gesteckt, es wird beschimpft, bedroht, beleidigt – vor allem aber nicht mehr zugehört. Dass wir hier nicht von den anonymen Postern im Internet alleine sprechen, sondern dass dies durch Populisten in der Politik erst eine Art von Legitimation erhält, ist ebenso bekannt wie inakzeptabel.
  • Die Mitte mag schweigend sein, ist aber ständig in Gefahr, in den Sog der einen oder anderen extremen Linie zu geraten. Die 2000er-Jahre haben es mit sich gebracht, dass Gemeinsamkeiten verloren gehen und Trennendes zunehmend dominiert (Und das, obwohl, wenn man um spezifische Meinungen des Anderen nicht Bescheid weiß, meistens ein sehr zivilisiertes Miteinander stattfindet).
  • Natürlich gibt es aber Grenzen der Akzeptanz : Rassimus, Rechtsradikalismus, Verbreiten von Fake-News und irrwitzigen Verschwörungstheorien fallen nicht unter Meinungsfreiheit (werden aber stets von deren Portagonisten als solche verteidigt). Wie aber soll man mit Menschen umgehen, die das in die Welt setzen? Ausgrenzen oder sich damit auseinander setzen und versuchen, aufzuklären?
  • Als wäre die Links/rechts-Polarisierung nicht schon genug, haben sich noch viele weitere Bruchlinien gebildet: zwischen den Generationen (Stichwort:FridaysForFuture), bei der Religionszugehörigkeit, zwischen Stadt und Land, …

Unzweifelhaft  kommt die Gefahr für die Demokratie und die Freiheit derzeit vor allem von RECHTS. Natürlich gibt es auch im linken politischen Spektrum Verrückte; gegenwärtig aber vor allem in der Art, dass sich immer wieder jemand findet, der auf die Provokationen der Rechten herein fällt und sich auf sinnlose Aktionen einlässt (die dann wieder von den Rechten publikumswirksam ausgeschlachtet werden können). Unsere Geschichte aber beweist eindeutig, dass Teile der Bevölkerung Österreichs und Deutschlands stark in Richtung Antisemitismus, Ausländerhass und Nationalismus tendieren; Überzeugungen, die schon in Katastrophen geführt haben.

Auch wenn „Das Schweigen der Mitte“ seinen Schwerpunkt in den Verhältnissen in Deutschland hat, so gibt es doch genügend Verweise zu anderen Ländern. Insgesamt lässt sich sagen, dass die beschriebenen Verhältnisse überwiegend auch in allen anderen westlichen Demokratien vorherrschen. Von Globalisierung bis „Gendern“, von Lifestyle bis Migration, vom Begriff „Heimat“ bis zum Begriff „Eliten“, von Rechtpopulismus bis zu den Putin-Trollen, von der Engstrinigkeit der Einen bis zur Überheblichkeit der Anderen – was Ulrike Ackermann thematisiert sind die Probleme, die uns alle beschäftigen (sollten).

Dieses Buch muss, wenn man sich denn detailliert damit auseinandersetzen möchte, durchgearbeitet werden – oberflächliches Lesen ist wegen des dichten Gegenwartbezuges und der Vielzahl der angesprochenen Themen nicht ausreichend. Diese Vielzahl der Themen bedeutet aber auch, dass keines wirklich bis in die Tiefe betrachtet werden kann – das würde ganz einfach den Rahmen sprengen.

PS: Nun, da dieses Buch geschrieben ist, betrachtet es auch schon wieder nur einen Teil dessen, was unseren Alltag bestimmt. Denn mit der Corona-Krise hat sich die Welt schlagartig geändert und das Ergebnis dieser Veränderung ist noch völlig ungewiss.



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