Buchbesprechung/Rezension:

Alice Hasters: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen


verfasst am 27.11.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Hasters, Alice, Zeitgeschichte
LiteraturBlog Bewertung:

Europäer, männlich, weiß: so einer wie ich wird wohl niemals Rassismus ausgesetzt sein. So einer wie ich kann daher auch nie zur Gänze verstehen was es bedeutet, als Mensch mit dunkler Hautfarbe hier zu leben. Was für einen wie mich nebensächlich oder beiläufig erscheint, mag für jemand mit dunkler Hauptfarbe ärgerlich oder beleidigend sein.

Bevor man sich auf irgendwelche Diskussionen darüber einlässt, was denn nun Rassismus ist oder nicht, was gar nicht so gemeint war, was nur gedankenloses Gerede ist und natürlich überhaupt kein Rassismus, sollte man sich die Sichtweise von Menschen anhören, die direkt davon betroffen sind.

Alice Hesters unternimmt in ihrem Buch diesen Versuch: weißen Menschen zu erklären, wie es ist, nicht weiß zu sein.

Aus der Sicht der Autorin und ihrer persönlichen Erfahrungen beschrieben, wird mit jedem Kapitel klarer, wie oft wir Stereotypen bedienen, die im Laufe der letzten Jahrhunderte bei uns wucherten, die sich quasi als Normalität in unser Denken und Handeln eingenistet haben. Dass dabei die Kolonialzeit, in der die so fortschrittlichen Europäer der ganzen so unterentwickelten restlichen Welt die Segnungen der Zivilisation aufzwangen eine sehr bedeutende Rolle spielte, ist nachvollziehbar. Sklaverei und Menschen als Handelsware taten ihr Übriges. Aus dieser Zeit haben sich so viele Vorurteile in unseren Alltag ausgebreitet, die wir gar nicht mehr bewusst wahrnehmen.

Alice Hasters Katalog der rassistischen Elemente (das wäre, finde ich, ein passender Untertitel für das Buch) hält uns allen, die wir uns  ehrlich und offen mit einem der zentralen gesellschaftlichen Probleme auseinandersetzen möchten, einen Spiegel vors Gesicht. Wer sich selbst als völlig „un-rassistisch“ betrachtet und keinen Bedarf an einer Beschäftigung mit dem Thema sieht, wird wohl auch das Warnen vor dem Nationalsozialismus mit so etwas wie „irgendwann muss aber Schluss sein mit dem Erinnern“ für sich selbst als überflüssig einstufen.

Von klein bis groß: es ist für alle Menschen, die selbst nicht von Rassismus, Geringschätzung und Diskriminierung betroffen sind ein Leichtes, selbstkritisch zu sein. Und genau das kann man, wenn man möchte, aus diesem Buch heraus lesen: sich des eigenen Handelns bewusst werden und dieses so verändern, dass man ohne Vorurteile und ohne Unterschied auf alle Menschen in gleicher Weise  zugeht.

Einiges von dem, was Alice Hesters beschreibt, erscheint mir aus meiner sehr subjektiven Position übertrieben, zu überspitzt. Doch kann ich es überhaupt beurteilen? Und: lässt sich dieser unbewusste Alltagsrassismus überhaupt ohne solche Überspitzungen sichtbar machen?

PS: Dieter Nuhr, der deutsche Satiriker, neigt gelegentlich dazu, in sprachlichem Übereifer Satire mit Blödsinn zu verwechseln. Dann mischen sich zwischen gescheite Aussagen auch wirklich dumme. So geschehen auch in der Folge von „Nuhr im Ersten“ am 12.11.2020: Dort äußert er seine Meinung zu diesem Buch, hat es aber definitiv nicht gelesen (jedenfalls nicht mehr als den Titel) und sich auch definitiv nicht darüber informiert – denn es ist in den USA gar nicht erschienen; Nuhr behauptet, es wäre ein dort Bestseller gewesen. Sehr  schwach!




Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top