Roman Maria Koidl : WebAttack
Der Staat als Stalker

verfasst am 18.11.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Koidl, Roman Maria, Sachbücher

Kaum ein (gesellschaftliches) Thema ist derzeit so aktuell wie Datenspionage und Privatsphäre, selten noch gab es einen solchen Hype wie jenen um Facebook, Twitter & Co, selten eine so große Empörung, wie jene über das Ausspionieren unseres ganzen Lebens durch NSA, MI6 und Konsorten. Und selten gab es mehr Heuchelei als bei der gespielten Empörung der Politiker, als all dies bekannt wurde.

Falsch an dieser ganzen Diskussion und dem ganzen Aufruhr ist nur eines:  die NSA ist, betrachtet man es genauer, eigentlich das geringere Übel gegenüber dem, was wir selbst tagtäglich ganz munter preisgeben.

Den überwiegenden Teil der Informationen, die über uns selbst irgendwo gespeichert sind, teilen wir selbst freudig und vor allem freiwillig mit: Amazon und Facebook, die Suchmaschien, Apps für dies und das. Den Überblick darüber, was man über uns selbst im Netz finden kann, hat wahrscheinlich niemand.  Hätte man im letzten Jahrhundert eine Volkszählung mit all diesen Daten durchführen wollen, es wäre ein Sturm der Empörung losgebrochen und sie hätte so niemals stattfinden dürfen.

Heute aber nimmt die überwiegende Mehrheit alles hin, was die wunderbare digitale Welt abverlangt und liefert praktisch jede Information über sich selbst aus.

Wenn man das in diesem Buch nachliest, dann kann man nicht, dann wird man es mit der Angst zu tun bekommen, wird wahrscheinlich entsetzt darüber sein, zu erfahren, wo überall unsere Daten gehortet werden und was dann damit geschieht/geschehen kann. Aber dazu kann man nur sagen: selbst Schuld.

Selbst Schuld auch deshalb, weil die Politik hier völlig versagt und die Bürgerinnen und Bürger ungeschützt lässt. Denn auch der Staat (also genau genommen: UNSER Staat, die von UNS gewählte Regierung) beteiligt sich ja bekanntermaßen am fröhlichen Datensammelspiel.

Immer schneller immer unfangreicher werden Daten abgefragt und Daten gegeben – und das, wie gesagt: ganz ohne NSA. Der Ausblick auf die nächsten Jahre – darum geht es im 2. Teil des Buches –  lässt uns direkt in ein digitales „1984“ blicken. Georg Orwell fände alle seine Utopien bestätigt und der Große Bruder reibt sich die Hände.

Dass man etwas tun kann, dass man einfach weniger gedankenlos mit Informationen umgehen kann und trotzdem ein lebenswertes Leben führen, das ist klar. Ein recht großer Teil der Bevölkerung scheint jedoch, ähnlich wie bei der Abhängigkeit von Suchtgiften, ohne diese Selbstentblößung nicht mehr leben zu können. Ein, aus meiner Sicht, perfektes Beispiel für diesen Suchtfaktor, der jedes eigene Denken unterdrückt ist der Hype um Facebook. Wie eine ganze Generation durch perfektes Marketing dazu gebracht wurde, sich dem Messias Mark Zuckerberg anzuschließen, ihm alles zu geben, was er wollte, und dann ergriffen zuzusehen, wie er Milliarden damit machte, ist schon ein tolles Beispiel für einen modernen Zug der Lemminge.

Empfehlung!

Dieses Buch sollten alle jene lesen, die viel im Internet unterwegs sind. Denn je mehr Menschen sich bewusster verhalten, desto besser für alle.

Man findet in sehr klaren Worten sehr vieles erklärt, ohne mit irgendwelchem Fachchinesisch zugeschüttet zu werden. Roman Maria Koidl hat mit „WebAttack“ einen Appell verfasst, sich wieder von der scheinbar so wohligen Fessel der digitalen Welt zu emanzipieren und sich selbst nicht kritiklos allem und jedem auszuliefern, der uns irgendwelche neuen, tollen Features verspricht. Denn dann könnten wir bald alle bei Scientology anheuern. 

Persönlicher Anhang:

Ein ganz praktisches Beispiel dazu von mir persönlich: für das Literatur-Blog richtete ich ein Facebook-Konto ein (privat habe ich keines), wobei ich keinerlei persönliche Daten  (ausser meine Email-Adresse) angegeben habe. Schon nach kurzer Zeit schlug mir Facebook dann bei jedem Besuch neue „Freunde“ vor. Darunter ein sehr beträchtlicher Anteil an Personen, die ich tatsächlich kenne. Wie geht das? Ganz einfach. Sobald man sich bei Facebook eingelogged hat, bleibt man das (Stichwort Cookies im Buch). Damit kann Facebook so ziemlich alles mitlesen, was man im Internet und am eigenen Rechner treibt (Merke: das war immer schon so und geht auch ohne NSA).

Dieses Nachspionieren hat mir überhaupt nicht gefallen und deshalb installierte ich in meinem Browser ein AddOn, das mich automatisch auslogged, sobald ich die Facebook-Seite schließe. Die Folge: keine neuen Vorschläge für Freundschaften, weil Facebook einfach keinen Zugriff mehr auf meine Internet-Bewegungen hat.

Man sollte sich also immer abmelden, wenn man einen dieser Dienste, eines der Networks verlässt. Ja, ich weiß, dann muss man sich immer wieder neu anmelden, aber wem seine Privatsphäre nur ein bisserl etwas wert ist, sollte seine Daten nicht kostenlos an solche verteilen, die damit viel Geld verdienen.

Ein PS: Edward Snowden hat für die breite Öffentlichkeit enorm viel enthüllt. Ein mutiger Mann. Unendlich mutiger als dieser unselige Mr. Assange, der seine kopierten Dokumente ohne Rücksicht auf Verluste in Netz gestellt hat, alleine um sein Ego zu befriedigen; und jetzt zu feige ist, sich wegen möglicher persönlicher Verfehlungen zu verantworten.

PPS: erfreulich ist der Trend in den USA, laut dem die Facebook-Nutzung bei Jugendlichen rückläufig ist; das lässt hoffen.


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