Bastian Obermayer, Frederik Obermaier: Die Ibiza-Affäre
Innenansichten eines Skandals

Ein Phänomen macht sich breit: während die WählerInnen / Sympathisanten anderer Parteien durchaus flexibel darauf reagieren, wie „ihre“ Partei agiert und gegebenfalls auch einmal einer anderen Partei die Stimme geben, verhält sich der harte Kern der Wähler der FPÖ (oder AFD, Lega Nord, Trump – die Liste ist wahlweise erweiterbar) wie eine Sekte, die blindlings ihrem Guru folgt.

Egal, welche Fakten ans Licht der Öffentlichkeit kommen, egal, was die Protagonisten ihrer Partei sagen, tun, anstellen: es wird alles als Lüge der „Linken“ gesehen, als Verschwörung des „Main-Streams“ und das Gegenteil von rationalem Denken findet statt: Man schart sich umso enger zusammen, je mehr der Rechtsstaat und/oder die Medien an unmoralischem und demokratiefeindlichem Handeln enthüllen.

So auch im Fall des Ibiza-Videos: derjenige, der aus reinem Egoismus Teile meines Heimatlandes (ich verwende den Begriff, obwohl die FPÖ-Wähler ja meinen, den Begriff Heimat für sich gepachtet zu haben) an wen auch immer verscherbeln wollte, Herr Strache eben, kann nach diesen bekannt gewordenen Ungeheuerlichkeiten trotzdem bzw. „jetzt erst recht“ auf seine „Jünger“ zählen. Obwohl: einige wenige davon haben sich von der einstigen Heilsgestalt der Rechtspopulisten schon abgewandt – es besteht also noch eine kleine Hoffnung.

Über den Inhalt des Videos muss man in Österreich niemanden mehr aufklären (Vergabe von Staatsaufträgen, Wasserlizenzen für Strache-Unterstützer, Übernahme der Kronen-Zeitung, etc.)

Darum geht es in diesem Buch auch nur teilweise. Die eigentliche Geschichte des Buches ist, wie das Video und die Hintergrundinformationen zur Süddeutschen Zeitung (und zu Spiegel und Falter) gelangten. Dazu lässt sich enorm viel über die Arbeitsweise der Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier erfahren, die Herangehensweise (zuerst geprägt von Skepsis), die Überprüfung des Materials, die Verifizierung der Fakten und die Aufbereitung bis zur Veröffentlichung. Daraus erklärt sich auch, warum es so lange dauerte, bis das Video der Öffentlichkeit gezeigt werden konnte.

Das alles ist für sich alleine schon eine sehr spannende Sache und erinnert mit konspirativen Treffen, Geheimhaltung und andauernder Wachsamkeit an die „guten alten“ Agententhriller.

Diese Affäre beweist wieder einmal, wie enorm wichtig die Presse für das Funktionieren der Demokratie ist – auch wenn das die als machtgeile Aufschneider entlarvten Strache und Gudenus sicher etwas anders sehen dürften.

Wie Strache nach dem Erscheinen des Buches auf die Idee kommen konnte, dass dieses ihn entlasten würde, ist befremdlich. Wie gut, dass Strache mit dieser Auffassungsgabe und diesem Rechtsverständnis nicht mehr Vizekanzler ist. Auch falls sich daraus keine strafrechtlichen Konsequenzen ergeben sollten – solche Leute, eine solche Partei der Einzelfälle und der Führungskräfte, die für das Publikum lauthals „Heimat“ schreien, in Wahrheit aber nur „ich“ meinen, dürfen keinen Platz an verantwortlichen Positionen haben, wenn wir unsere Demokratie behalten möchten.

PS: Im Nachgang der letzten ÖVP-FPÖ Koalition (Schüssel-Haider) hat es länger gedauert, bis die Gerichte eingeschaltet wurden. Offenbar jede Koalition dieser beiden Parteien sorgt aber immerhin für die langfristige Absicherung der Arbeitsplätze in unserem Justizsystem – das Video und seine Entstehung werden uns sicher noch viele Jahre lang beschäftigen. 



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