David Schalko: Schwere Knochen

verfasst am 16.06.2018 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Schalko, David

Verleitet durch dem Umstand, dass sich “Schwere Knochen” auf der ORF-Bestenliste im Juni 2018 findet, beschließe ich, ein Buch von David Schalko zu lesen. Was soll denn auch schief gehen, wenn groß hinten auf dem Buchdeckel steht, was Josef Hader über den Autor meint: “David Schalko sieht unbestritten aus wie ein Genie Es spricht aber auch einiges dafür, dass er eins ist.”

Und wirklich: der Roman beginnt ganz großartig. Es ist die Geschichte des (nicht allzu langen Lebens) des Ganoven Ferdinand Kutzler. Schon als Bub sind ihm einfach Kinder- und Jugendstreiche bald zu minder und er beschäftigt sich mit seinen drei Freunden gleich lieber mit kleinen Gaunereien. Die vier scheinen unaufhaltsam auf dem Weg nach oben in der Wiener Unterwelt, bis ihnen der Anschluss im 1938-Jahr einen Strich durch die Rechnung macht. Denn jetzt legen sie sich mit dem falschen an, einem aus der Nazi-Hierarchie, der keinen Spaß versteht. Kitzler, Sikoroa und Wessely werden ohne viel Federlesens ins KZ Dachau transportiert, wo sich ihre Lebenswege trennen. Vorübergehend.

Wir verfolgen Kutzler, wie er sich als Kapo durch die Jahre laviert, immer oben auf. Kurzzeitig problematisch wird es für ihn nur, als die KZs 1945 befreit werden und er als nun ehemaliger Kapo bei den befreiten Gefangenen keine gute Nachrede hat. Und man weiß ja, wie viele von den ehemaligen Nazo-Kollaborateuren nach dem Krieg still und heimlich irgendwo verschwunden wurden.

Kutzler hat Freunde. Oder, man sollte sagen: kennt Leute, die sich aus der Bekanntschaft mit ihm zukünftigen Nutzen versprechen. Denn nun ist er schon der kommende Mann für die Lösung von Problemen. Kutzler kehrt verändert, dem KZ entkommen mit Hilfe dieser Freunde, in ein verändertes Wien der Nachkriegszeit zurück.

Dieses Roman mag so etwas wie der Versuch sein, aus “Der Pate” oder “Goodfellas” eine Version über die Wiener Unterwelt zu machen. Statt rauchiger Stimme mit italienischem Akzent gibt es den Wiener Dialekt, der für Außenstehende manchmal so unverstädnlich sein mag, wie das Italienische. Statt Corleone und Mafia gibt es Schieber und Schmuggler. Nicht vergleichbar mit dem, was sich in Amerika und Italien zu selben Zeit ausbreitete, aber es reicht, um in einer zerstörten und geteilten Stadt wie Wien gut über die Runden zu kommen.

Die Sprache des Buches: die trifft wirklich ganz genau das Milleu, lässt ein Bild dessen entstehen, was gerade passiert. Ganz großartig trifft Schalko dabei die auch Eigenschaft der Wiener (und Österreicher ingesamt), die Dinge möglichst nicht direkt beim Namen zu nennen; diese allseite bekannte sprachliche Verniedlichung, Verkleinerung, Verharmlosung, mit der wir uns darüber hinweg schummeln, wenn es darum geht, nicht allzu direkt etwas auszusprechen  :-)

Es ist die Sprache, die dieses Bild erzeugt, die Personen sind es nicht. Denn die bleiben verschwommen und es gelingt nur, sie undeutlich aus der Distanz zu sehen. Tiefere Charakterisierung ist nicht angesagt – oder möglichweise geplant, aber nicht gelungen. Alle bleiben so, wie man sich landläufig und oberflächlich die kleinen Ganoven vorstellt.

Eine Zeit lang hält somit die Sprache das Geschehen im Gange. Mehr aber auch nicht, denn schon bald wird klar, dass es außer dem Anfangselan nicht mehr viel geben wird. Obwohl sich die Handlung weiter bewegt, entwickelt sie sich nicht weiter, alles bleibt gleich. Ja, es passiert natürlich dies und das, die Jahre vergehen, aber egal, was passiert, es ändert sich nichts. Es ist reichlich (man beachte die sprachliche Verniedlichung) unspannend und unfesselnd.

Mühsam wird es, als sich nach 50, 100, 150 Seiten dann auch noch Langeweile bei der Sprache einstellt. Denn nun ist die nicht mehr originell sondern einfach nur mehr so, wie auf den Seiten zuvor. Langeweile beim Lesen ist nie eine gute Sache, denn da kann man leicht auf andere Gedanken kommen; ein anderes Buch lesen vielleicht? Ja, so mache ich das: ich blättere schnell weiter, kontrolliere zwischendurch immer wieder, ob alles noch gleich geblieben ist und lese dann ein anderes, besseres Buch …

Soviel dazu, was von einer Charakterisierung durch Josef Hader zu halten ist; entweder ist das Zitat vom Verlag hier völlig deplatziert verwendet worden, oder das Genie zeigt sich erst in Schalkos nächstem Roman; wer weiß das schon.

Und auch eine Erwähnung in der ORF Bestenliste ist nicht notwendigerweise ein Gütesiegel.


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