Alex Beer: Unter Wölfen - Der verborgene Feind
Nürnberg 1942: Isaak Rubinstein ermittelt (2)

verfasst am 04.11.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Beer, Alex, Kriminalromane

Isaak Rubinstein ist noch immer Adolf Weissmann: der jüdische Antiquar, der in die Rolle des SS-Sturmbannführers geschlüpft ist. Gewissermaßen nahtlos führt jetzt mit „Unter Wölfen – Der verborgene Feind“ die Erzählung aus dem ersten Roman weiter. Ort der Handlung ist Nürnberg, die Stadt der Nazi-Reichsparteitage, im April 1942.

In seiner Rolle als Weissmann hat Rubinstein eine Affäre mit Ursula von Rahn angefangen um über sie etwas über ihren Vater, den Industriellen Otto von Rahn in Erfahrung zu bringen. Der ist ein wichtiger Lieferant für die deutsche Kriegsmaschinerie. Mit Informationen über die neuesten Entwicklungen bei Panzern oder Flugzeugen würde Rubinstein einen Beitrag zur Befreiung Europas und der Juden leisten können. Die ersten Pläne für einen neuen Panzer sind bald gefunden, als Rubinstein heimlich ein Gespräch verfolgt, in dem es um eine völlig neuartige Waffe geht, mit der England endgültig und in kurzer Zeit besiegt werden könne.

Rubinstein muss seine Rolle noch länger spielen, als es vernünftigerweise der Fall ein sollte – jeder weitere Tag kann seine Enttarnung und damit seinen Tod bedeuten; wenn er aber die Chance hat, eine entscheidende Entdeckung zu machen und diesen über den Widerstand an die Alliierten weiterleiten zu können, dann muss er alles riskieren.

Zum Überfluss wird Rubinstein auch noch, von Heinrich Himmler persönlich, mit der Leitung eines Mordfalles betraut. Als eine junge Frau in ihrem Zimmer erdrosselt wird und wenig später eine genauso so ermordete Frau im Park gefunden wird, weist alles auf einen Serientäter hin.

Die Mordfälle und der Umstand, dass jemand kurz davor ist, seine Tarnung zu entlarven – alles bedroht Rubinsteins Leben immer mehr. Diese verschiedenen Ebenen führt Alex Beer in – man kann es so sagen – gewohnt rasanter und atemberaubender Weise immer näher zusammen.

Wie Rubinstein sich in der Welt der Nazigrößen immer wieder als einer von denen ausgeben muss, ist die eine Herausforderung. Diesbezüglich gelingt es Alex Beer in bemerkenswerter Weise, den Charakter und das Selbstverständnis dieser Leute zu zeigen: deren Herrenmenschen-Ansichten über die Welt, die Rolle der Deutschen, die Überheblichkeit und der Hass gegenüber Juden und überhaupt allen und allem Nicht-Deutschen.  Das gelingt manchmal sogar zu gut, wenn man selbst beim Lesen den Zorn über die Verbohrtheit und die Unmenschlichkeit dieser (alten und neuen) Nazis aufsteigen fühlt.

Auf der anderen Seite Rubinsteins Rolle als „bester Ermittler“ des Reiches. Alex Beer lässt ihn dabei auf Arthur Conan Doyle zurückgreifen; wie der seinen Sherlock Holmes ermitteln ließ, bietet sich für Rubinstein auch als probate Vorlage an, in Nürnberg die Rolle des Polizisten zu spielen. Ob das reicht, die erfahrenen Polizisten, mit denen er gemeinsam an der Aufklärung arbeitet, auf Dauer zu überzeugen ist fraglich.

Dieser Thriller spielt vor dem Hintergrund der Verhältnisse in Nazideutschland während des 2. Weltkrieges auf. Die Wannseekonferenz hat gerade – drei Monate vor den Ereignissen im Roman – stattgefunden und die Juden werden aus allen von den Deutschen besetzten Gebieten deportiert und in die Vernichtungslager gebracht: Der Holocaust hat begonnen. Es gab zwar viele von den Nazis verfolgte Juden, die sich bis zum Ende des Krieges vor Gestapo und SS verbergen konnten – ob es jedoch möglich gewesen wäre, dass sich jemand so lange unentdeckt inmitten der Ermittlungsbehörden hätte halten können wie Rubinstein, das ist indes sehr fraglich. Womit die Ausgangsbasis des nunmehr schon zweiten Rubinstein-Thrillers selbst natürlich weiterhin eher unrealistisch bleibt.

Von der Schilderung der Vorgänge und des Alltages im „Dritten Reich“ sollte man sich nicht allzu viel erwarten, denn das, was man darüber liest, orientiert sich weniger an historischen Gegebenheiten, sondern vielmehr an den Erfordernissen des Romanes.

Was aber am Tempo und an der Spannung des Romanes nichts ändert. Ganz im Gegenteil: man sollte sich nichts wichtiges vornehmen, wenn man das Buch zu lesen beginnt. Jedenfalls mir ging es so, dass ich es einfach nicht zur Seite legen konnte und in einem Zug durchlesen musste. Dass das Buch 348 Seiten umfasst, sollte dabei nicht abschrecken, denn dank der großen Schrift und den kurzen Kapiteln ist man in ein paar Stunden durchgerast.



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