Ulrike Schmitzer: Die gestohlene Erinnerung

verfasst am 11.09.2015 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Schmitzer, Ulrike

Über die unendlich vielen katastrophalen Ereignisse in Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gibt es sicher noch unendlich viele Geschichten zu erzählen, gilt es noch Wahrheiten zu ergründen und Fakten aufzuschreiben. Ulrike Schmitzer stellt für „Die gestohlene Erinnerung“ ein kleines Kapitel dieser Zeit(geschichte) in den Mittelpunkt: das Leben und Schicksal der Donauschwaben.

Aus den Erinnerungen der Großmutter und der Mutter fügt die Ich-Erzählerin die Chronik ihrer Familie zusammen. Der 1. Weltkrieg, später der Hitler und der 2. Weltkrieg und die SS und dann die Partisanen, später die Russen: mit denen kamen die Vergeltung für die Naziverbrechen und das Ende der alten Heimat.

Auf den Spuren der Vorfahren bricht sie gemeinsam mit ihrer Mutter auf, die Stätten der Familiengeschichte zu finden. Im heutigen Serbien, Ungarn und Rumänien, überall dort, wo die Donauschwaben siedelten, wo ihre Heimat war, werden sie fündig. Nicht nur Stätten, Häuser, Räume, auch Eindrücke und bewegende Erinnerungen. Lücken bleiben, aber das Bild ist erkennbar. Zu diesem Bild liefert das Buch auch noch den geschichtliche Hintergrund, beginnend mit Maria Theresia und wie sie die Schwaben an die Donau holte.

Als ob sie diese tief vergrabenen Erinnerungen erst wieder finden müssten, erzählen Großmutter und Mutter erst zögernd, dann wie befreit über das Leben, die Lebensumstände, die das Leben bestimmenden Traditionen, die Menschen. Und sie erzählen, wie zuerst die Nazis kamen und dann später die Russen und wie sich alles änderte.

Es fühlt sich an wie eine Erzählung von, über und mit tatsächlich existierenden Menschen. Ulrike Schmitzer schreibt über eine ungemein lebendig/lebend wirkende Familie, die im Laufe weniger Jahrzehnte über den halben Kontinent getrieben wurde, entwurzelt, interniert, weiter transportiert, bis sie eine Ewigkeit später endlich eine neue Heimat in Österreich fand. Beschreibt – gelegentlich mit einem Augenzwinkern – die Familie, die Onkel, Tanten, Großmütter, Großväter, Mütter und Väter und ergänzt und umrahmt alles mit Daten aus der vergangenen Zeit, einem Familienstammbaum und einer Landkarte: alles zusammen sorgt für die richtige Einordnung und erschafft das Bild einer realen Familienchronik.

Womit das Buch in den Gegenwart, im Jahr 2015 angekommen ist: vom Krieg, von brutalen Tyrannen und deren fanatisierten Gefolgsleuten vertriebene Menschen, die alleine wegen ihrer Herkunft die Heimat verlassen mussten. Während Schmitzers Protagonisten die Vergangenheit aus einer sicheren, wohl auch verklärenden Perspektive betrachten können, oft mit Ironie, mit Wehmut, nun aber ohne Angst, werden gerade jetzt unzählige Menschen von Diktatoren und Extremisten vertrieben, gefoltert, versklavt, ermordet.

Ulrike Schmitzer beschreibt das, was in der Vergangenheit an Unrecht geschah so eindringlich und gleichzeitig so sachlich, man kann sich das, was heute passiert bildhaft vorstellen.

Jahrzehnte sind vergangen und die Geschichte wiederholt sich, wenn auch in einer anderen Weltgegend. Jahrzehnte sind vergangen und viel zu viele haben noch immer nicht gelernt, mit Mitgefühl an einer für alle besseren Welt zu arbeiten, viel zu viele versprühen immer noch undifferenzierten Hass gegen alles, was nicht (wie) sie selbst ist; das aber passiert nicht in einer anderen Weltgegend sondern hier bei uns.

Dies ist der vierte Roman von Ulrike Schmitzter, den ich gelesen habe.

Und es ist der vierte, der mich wirklich überzeugt und bewegt hat. Ein Blick in die Geschichte aus einer ungemein persönlichen und damit einfühlsamen Sicht. Ein Roman, der sich der Deutungs- und Wahrheitshoheit diverser Vertriebenenverbände entgegen stellt, deren Sichtweise auch heute noch vielfach von rechtem Gedankengut geprägt ist.



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