Buchbesprechung/Rezension:

Kurt Bauer: Der Februar-Aufstand 1934
Fakten und Mythen

Der Februaraufstand 1934
verfasst am 11.02.2024 | einen Kommentar hinterlassen

Autorin/Autor: Bauer, Kurt
Genre: Geschichte
Buchbesprechung verfasst von:
LiteraturBlog Bewertung:

Am 12. Februar 2024 jährt sich der Februar-Aufstand von 1934 zum 90. Mal. Für mich Anlass, dieses Buch, das anlässlich des 85. Jahrestages der Ereignisse erschienen ist, zur Hand zu nehmen.

Am 12. Februar 1934 kommt es in Linz zu Schießereien zwischen dem Republikanischen Schutzbund und der Polizei. Die Auseinandersetzungen greifen rasch auf Wien und andere Regionen Österreichs über. Bei den Kämpfen sterben rund 360 Menschen. Aber schon nach wenigen Tagen bricht der Aufstand zusammen, die Sozialdemokratie wird verboten, Österreich gleitet endgültig in die Diktatur ab.
(Klappentext)

Kurt Bauer, österreichischer Historiker und Buchautor, räumt in diesem, nur 217 Seiten, umfassenden Sachbuch mit den Mythen, die sich rund um den Februaraufstand von 1934 gebildet haben, (hoffentlich) endlich und nachhaltig auf.

In fünf Kapiteln geht der Autor der Frage nach, wie es zu diesem Aufstand, der immer wieder fälschlicherweise als „Bürgerkrieg“ bezeichnet wird, gekommen ist, warum er gescheitert ist und wie zu dem Mythos geworden ist.

  • Der Weg in den Februar
  • Der Aufstand
  • Die Opfer
  • Besondere Fälle
  • Mythen, Legenden und offene Fragen

Kurt Bauers präzise, schnörkellose und sehr nüchterne Analyse enttarnt den sozialistischen und sozialdemokratischen Mythos des Aufstandes. Nicht die Wiederherstellung der Demokratie, die unter Kanzler Engelbert Dollfuß ihr Ende gefunden hat und vorerst durch den faschistischen Ständestand ersetzt wird, um anschließend in der NS-Diktatur zu enden, sondern selbst die „Diktatur des Proletariats“ zu errichten, war das Ziel. Auch wenn uns zahlreiche Gedenktafeln und Gedenkschriften glauben machen wollen, die österreichischen Sozialisten seien die allerersten “Verteidiger der Demokratie gegen die Gefahr des Faschismus”.

Mit zahlreichen Zitaten aus Originalquellen belegt er, dass auch die Sozialisten auf ihrem Weg dorthin alles andere alles zimperlich vorgegangen wären.

Der Aufstand ist recht dilettantisch durchgeführt worden und war letztlich aus mehreren Gründen gescheitert. Zum einen haben sich die Eisenbahner dem Generalstreik nicht angeschlossen und zum anderen haben sich zahlreiche Anführer unmittelbar vor der Eskalation feige ins Ausland abgesetzt und ihre Mannschaften ohne klare Befehle auf sich selbst gestellt, zurückgelassen. Neben Otto Bauer und Julius Deutsch ist Richard Bernaschek (1888-1945 im KZ Mauthausen) ist einer von ihnen, der in die Tschechoslowakei flieht.

„Bei Reisen durch das Land [die Sowjetunion] lernte Bernaschek die mehr als triste sowjetische Realität kennen. Einem Schutzbündler aus Steyr, dem er in Moskau begegnete, sagte er: „Hier haben die Arbeiter genauso wenig zu reden wie bei den Nazis. Diktatur da und dort. Das ist nichts für uns.“ Im September 1934 kehrte er desillusioniert in die Tschechoslowakei zurück.“

Nach einem anfänglichen Schock hat sich die Exekutive recht schnell der Unterstützung des Bundesheeres sowie der paramilitärischen Verbände (Heimwehr) versichert und die Aufständischen aufgerieben. Kurt Bauer führt den Lesern das klägliche Versagen der Parteiführung, die Desorganisation sowie Hoffnungslosigkeit der allein gelassenen Kämpfer vor Augen.

Kurt Bauer recherchiert akribisch die Opferzahlen, die von beiden Seiten falsch angegeben werden. Erschreckend dabei, dass von den rund 360 Toten der Auseinandersetzungen in Wien, Linz, Steyr, dem Mürztal, Graz und dem Hausruckviertel (OÖ) rund 134 Personen als Nicht-Kombattanten, also als Unbeteiligte, darunter zahlreich Frauen und Kinder, getötet worden sind. Im Anhang sind alle Toten der Februar-Kämpfe aufgelistet und welche Rolle sie dabei gespielt haben. Dabei sind auch Selbstmorde bzw. erweiterte Selbstmorde von Schutzbundangehörigen verzeichnet.

Verschiedentlich sind die Opferzahlen, vor allem auf und von Schutzbundseite, hochlizitiert worden, vermutlich um hier Märtyrer zu schaffen. Die vom Autor in den Archiven erhobenen nüchternen Zahlen belegen, dass das Dollfuß-Regime die Niederschlagung mit Augenmaß betrieben hat, allenfalls die Opferzahlen weitaus höher gewesen wären. Die Bezeichnung „Arbeitermörder“ für Engelbert Dollfuß hält der Autor deswegen nicht für angebracht. Propagandistisch sind die Opferzahler allerdings von ausländischen Journalisten weit überhöht angegeben worden. Der britische Reporter Geyde behauptet zum Beispiel, er hätte im „Goethe-Hof“ (Gemeindebau im damaligen Floridsdorf/heut Donaustadt) 40 50 Leichen gesehen. Belegt sind allerdings nur 5 8 Tote.

Was allerdings auffällt, sind die schlampig, weil eiligst, geführten Prozesse der überlasteten Gerichte gegen die Aufständischen, so ferne man sie nicht sofort standrechtlich erschossen hat.

Interessant ist, dass so mancher den Aufstand für persönliche Abrechnungen benutzt haben könnte. Diese möglichen Morde sind unter dem Titel „Besondere Fälle“ angeführt. In der Industriestadt Steyr kam es zu einem Doppelmord an zwei Heimwehrangehörigen durch einen Arbeiter. Wenige Meter neben diesem Tatort soll der im Steyr-Werk äußerst unbeliebte Direktor Wilhelm Herbst von den Schutzbündler erschossen worden sein. (Siehe S. 91 bis 93)

Dollfuß‘ Pyrrhussieg: spielt den Nationalsozialisten in die Hände. Genau vier Jahre später, am 12. Februar 1938 ist Österreichs Schicksal endgültig besiegelt. Das erlebt Engelbert Dollfuß bekanntlich nicht mehr. Der Kanzler wird ja wenige Monate nach dem Februar-Aufstand am 25. Juli 1934 beim „Juli-Putsch“ der Nationalsozialisten ermordet. Seinem Nachfolger Kurt Schuschnigg hinterlässt er ein zerrissenes Land. Ob sich ein geeintes Österreich gegen die Nationalsozialisten wehren hätte können?

Wer über den Mythos „Juli-Putsch“ etwas wissen möchte, dem sei Kurt Bauers Buch „Hitlers zweiter Putsch. Dollfuß, die Nazis und der 25. Juli 1934“ empfohlen.

Kurt Bauer hat mit diesem Buch eine auch heute noch heikle Materie aufgearbeitet. Zu der bereits erwähnte alphabetischen Auflistung aller (bekannten) Opfer der blutigen Februartage des Jahres 1934 finden wir interessierten Leser mehr als 260 Quellenangaben, eine umfassende Bibliografie und Namens- sowie Ortsregister. Zahlreiche Abbildungen von Originalfotos ergänzen dieses Sachbuch. Das Cover zeigt die von Artilleriegeschoßen zerstörte Fassade des Karl Marx-Hofes in Wien, Heiligenstädterstraße.

Fazit:

Diesem Buch, das mit Akribie recherchiert und sehr sachlich, die auch heute noch heikle Materie, aufarbeitet, gebe ich eine unbedingte Leseempfehlung und 5 Sterne.




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