Ulrike Schmitzer: Die falsche Witwe

verfasst am 10.08.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Erzählung, Schmitzer, Ulrike

Wie alltäglich oder wie aussergewöhnlich; wie einfach oder wie schwierig; wie ist es, ein Geheimnis über die eigene Familie über viele Jahrzehnte hinweg zu bewahren? Und was geschieht, wenn dieses Geheimnis am Ende doch gelüftet wird?

Ein Vater zog in den Krieg, ein anderer Mann, ein Onkel kam zurück zur Mutter. Anna und Eva, kleine Mädchen, die Töchter sehen einen neuen Mann in der Küche sitzen. Auch wenn der Eva seltsam bekannt vorkommt, erinnern kann sie sich nicht an ihn.

Der 2. Weltkrieg hat unzählige Familien zerrissen, viele Väter und Ehemänner sind einfach verschwunden, keine Spur blieb von ihnen. So war es auch bei Mutter. Doch sie fand jemanden nach dem Krieg und es entstand so etwas wie eine neue Familie. Die Mutter, der Onkel, Eva und Anna, die Töchter.

Nachdem der Onkel eingezogen war wurden die Besuche der Nachbarn seltener, kam doch einmal jemand ins Haus, dann verschwand der Onkel im Nebenzimmer. Hin und wieder hörten die beiden Mädchen, wie Mutter mit dem Onkel schrie, wie sie ihn zurecht wies, doch auf all das konnten sie sich keinen Reim machen.  Für kleine Mädchen mag zwar vieles seltsam sein, vieles aber auch ganz normal erscheinen und so machen sie sich nicht viele Gedanken darüber.  Eva, die ältere, jedoch fragte sich mehr und mehr, wo denn ihre Erinnerung an den Vater gelieben sind; so sehr sie sich bemüht, so wenig konnte sie davon aus ihrem Gedächtnis hervor kramen. Und Anna, der jüngeren der beiden Schwestern, fehlte eine solche Erinnerung überhaupt.

Viele Jahrzehnte sind vergangen seit der Onkel daheim einzog, nun sitzen Mutter und Töchter, selbst schon weißhaarig, beisammen, der Onkel ist tot und die Mutter hat einen Brief bekommen. Einen Brief vom Gericht, in dem steht etwas von Betrug, es geht um Millionen. Die Mutter ist angeklagt, betrogen zu haben.

Alles zerplatzt in einem Augenblick. Das Geheimnis, mühevoll über lange Zeit gehütet, ist keines mehr.

Es sind die Gedanken von Eva, mit denen diese Erzählung beginnt. Die Gedanken eines kleinen Mädchens, das ahnt, dass es da etwas gibt, das man vor ihr verbrirgt.  Es sind die Gedanken und die Taten der Großmutter, die sich nach dem Tod des „Onkels“ aufmacht, die Ehre in ihrem Leben zu retten.

Es sind die Gedanken der Tochter von Eva, die, Jahrzehnte später, das von ihrer Mutter begonnene Nachfragen wieder aufnimmt und zu Ende bringt – sie ist eigentliche Erzählerin, die Trägerin der Geschichte. Beim Begräbnis des Onkels, eigentlich ist es ja ihr Großonkel, erfährt sie es: der Onkel, der angebliche, und ihre Großmutter, Annas und Evas Mutter, das war etwas ganz anderes, als die beiden der Welt glauben machen wollten. Sie liest das Tagebuch, die Briefe des „Onkels“ und entdeckt dabei ein weiteres Kapitel nicht aufgearbeiteter Geschichte aus der Nazizeit.

Die Direktheit der Gedanken ist es, die diesem Buch seine Stärke gibt. Wenn man bereit ist, sich beim Lesen diesen Gedanken ganz zu widmen, dann führt das zu einem ungemein dichten, klaren, offenen, ehrlichen Erleben. Eines, die es so oder so ähnlich geben könnte (oder gab?). Selbst wenn es reine Erfindung ist, dann wirkt die Geschichte auf mich unheimlich realistisch und die Personen darin wie wirklich existent.

Wie Eva, Anna und Evas Tochter die nun neu erfahrene Wahrheit erleben, wie sie sie hinterfragen und wie sie mit ihr umgehen, das schafft Ulrike Schmitzer auf nicht einmal 100 Seiten so intensiv darzustellen, dass ich meinte, ein viele 100 Seiten dickes Werk in der Hand zu halten. Nicht, weil es sich in die Länge zieht, nein ganz und gar nicht, sondern weil die Gedankenwelt, die Worte und das Erleben der Frauen so beeindruckend, so persönlich niedergeschrieben sind. Ich las über sie, als ob ich sie schon ewig kennen würde und sie alte Freundinnen von mir wären.

PS: auch wenn es bis zum Schluss nicht danach aussieht, so kommt am Ende noch eine überraschende Wendung ( aber jetzt bitte nicht vor – lesen!)


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