Jürgen Benvenuti: Leichenschänder
Ein Wiener Kriminalroman

Die Lebensumstände von Laurenz Breitmaier lassen sich recht exakt mit zwei Worten beschreiben: „Ollas Oasch!“. Mit 10 Jahren Vollwaise, Kinderheim, kurze Karriere als Kleinganove und jetzt Fotograf eines Schmierblattes namens „Voll Dran!“. Kein Wunder, dass der Mann allem und jedem zuerst einmal mit Abneigung begegnet.

Keine Frage: der Job, den er macht, der passt ganz genau zur unterirdischen Qualität der Zeitung. Aber für den Chef passt es (meistens) und für die LeserInnen anscheinend auch. Immerhin ist es ein Job, auch wenn der Chef andauernd neue und abwegige Ideen hat, wie er seine Leute quälen kann. Die neueste: Breitenfelder soll zu seinen Fotos auch gleich noch selbst die Geschichte schreiben: ein Komplett-Paket, sonst kann er seinen Job vergessen.

Womit wir wieder beim zentralen Motiv angelangt sind: „Ollas Oasch!“.

Jetzt zieht er also los und stürzt sich (falls das nach „enthusiastisch“ klingt, dann stimmt das nicht; richtig ist „widerwillig“) auf eine Geschichte mit Tieren: in einem Villenviertel treibt ein Tiermörder sein Unwesen, er schlachtet Hunde und Katzen der Reihe nach ab und zerlegt die Kadaver; gschmackig. Laurenz liefert eine Geschichte ab, die dem Chef – wider Erwarten – gut gefällt. Laurenz selbst findet Gefallen an diesen Komplett-Reportagen aus Bild und Wort und kommt schon bald zu seinem nächsten Auftrag…

Gelegentlich dachte ich an eine Wiener Version von „Die Zwei“. Gemeint ist die synchronisierte Version der TV-Serie, die von den coolen und flapsigen Sprüchen von Tony Curtis und Roger Moore lebt. Laurenz Breitmaier ist zwar weder Moore noch Curtis ähnlich, aber mit coolen, flapsigen, oft zynischen Sprüchen wirft er nur so um sich. Hin und wieder sind auch richtig gute dabei, manchmal aber rutscht die Sprache auch etwas zu sehr in die untereste Schublade hinunter.

Alle bekommen in diesem Krimi ihr Fett weg: niemand ist vor sprachlichen Querschlägern sicher, auf die/den/das Jürgen Benvenuti sein Auge geworfen hat. Die Spieß- und Kleinbürger, die sich um lächerliche Sonderangebote raufen, die D-Promis, die Stadt, die Bewohner der Stadt … na ja, wie gesagt: alles.

So geht die Geschichte weiter: dieser nächste Auftrag, der geht Laurenz ziemlich nahe. Es ist ein Mord und das Opfer ist ein Bekannter  (hat er denn überhaupt Freunde?), der genauso umgebracht wurde wie die Tiere. Laurenz  („nenn mich ‚Enzo‘!“) macht  sich daran, selbst zu ermitteln; und stellt ziemlich schnell fest, dass ihm da jemand auf den Fersen ist. So, wie die Opfer zugerichtet sind, könnte man denken, dass der Mörder eine Mischung aus Hannibal Lektor und Jack The Ripper ist. Na, wenn das nur gut geht…

Wenn man die gelegentlichen Grauslichkeiten (sprachlich und inhaltlich) gut verdaut, dann liefern die rund 160 Seiten dieses Krimis eine sehr kurzweilige und amüsante Unterhaltung. Und ist man WienerIn, dann wird man solche Typen kennen, wie sie beschrieben sind; man trifft sie überall in der U-Bahn, in der Trafik, auf der Strasse. 

„Leichenschänder“ erschien erstmals im Jahr 1995 und wurde nun vom Falter-Verlag in einer gänzlich überarbeiteten Version neu aufgelegt. Eindeutiger Beweis, dass dieser Krimi wirklich schon 18 Jahre alt ist: Fotos werden auf Filme gebannt und müssen entwickelt werden und im Kaffeehaus wird geraucht.


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