Mechtild Borrmann: Der Geiger

verfasst am 29.08.2012 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Borrmann, Mechtild, Romane

Nach vier Krimis folgt der erste Roman: gemeinsam haben alle Bücher von Mechthild Borrmann den Bezug zur Vergangenheit. Ein Ereignis, das weit zurück liegt, bekommt in der Gegenwart wieder höchste Aktualität.  Nicht anders ist es im Roman „Der Geiger“ – doch damit sind die Gemeinsamkeiten mit den früheren Büchern bereits vollständig aufgelistet. Denn dieser neue Roman ist anders.

Es sind zwei Handlungsebenen, die aus Gegenwart und Vergangenheit langsam zueinander führen. Da ist einmal die scheinbar unbeschwerte Welt der Familie Grenko im Jahr 1948. Ilja Grenko ist gefeierter Geiger in Moskau, ein Star der Sowjetunion, wenn man so will. Sein wohl gehüteter Schatz ist die alte Stradivari, die einst sein Großvater vom Zaren geschenkt bekam. Und dann sind da seine Ehefrau Galina, die schöne, die gefeierte Schauspielerin und ihre beiden geliebten Söhne Ossip und Pawel.

Ilja lebt nur für seine Musik und vergisst dabei, dass er in einem totalitären Staat lebt, in dem auch nur die geringste Abweichung von der Linie Stalins und der Kommunistischen Partei zu den schlimmsten Bestafungen führen kann. Und er begeht einen schwiegenden Fehler: Ilja möchte zu einem geplanten Konzert in Wien auch seine Familie mitnehmen, doch die Staatssicherheit wertet seinen Ausreiseantrag als Vaterlandsflucht und Verrat.

Sein Lebensweg endet in einem Arbeitslager in unsäglichem Leid, in Unkenntnis des Schicksales seiner Familie, beraubt jeder Hoffnung. Mit einem geschmuggelten Brief an seine Frau, der erst Jahre später zu ihr gelangt, legt er die Saat für das, was Jahrzehnte später geschehen wird.

Auch Galina und ihre Sohne erfahren die ganze Brutalität des Regimes, werden verbannt, können sich mehr schlecht als recht über die folgenden Jahre retten.

Dieser Teil des Romanes, immer wieder eingewoben in die Geschichte, ist schon ein ganzes Buch für sich alleine. Fast greifbar werden die Schicksale, man fühlt Wut über die Zustände in diesem Land, zu dieser Zeit. Es scheint eine andere Mechthild Borrmann zu sein, die hier schreibt, ein andere als die, die zB. mit ihrem letzten Krimi Wer das Schweigen bricht den Deutschen Krimipreis erhielt. Sie ist einfühlsamer, atmosphärischer, dichter und schafft es damit, ein enorm klares und detailreiches Bild der Lebenswege der Familie Grenko zu beschreiben.

Im anderen Teil des Romanes ist Sascha Grenko, der Enkel Iljas und Galinas, auf der Spur der Vergangenheit. Als sich seine verschwundene Schwester nach fast 20 Jahren bei ihm meldet, weiß er, dass sie in Schwierigkeiten ist. Ihr Anruf klingt dringend und drängend, so bald wie möglich sollten sie beide sich treffen. Doch was ihm von ihr bleibt ist nur eine kurze handgeschriebene Notiz und eine Tasche voller Erinnerungsstücke an ihre Familie.

Vor seinen Augen wird seine Schwester erschossen und damit beginnt für Sascha nicht nur die Suche nach dem Mörder sondern auch der Weg zurück in eine Vergangenheit, von der er bislang nichts wusste.

Ich hatte mir einen sehr guten Krimi erhofft und einen noch weitaus besseren Roman bekommen. Dabei fällt mir im Moment kein anderer Schriftsteller/keine andere Schriftstellerin ein, bei dem/der ein derart grandioser Genrewechsel gelungen ist.

Die Berichte über die Tyrannei unter Stalin, vermengt mit der Spurensuche im Russland des 21. Jahrhunderts, die Beschreibung der Fäden, die alles über viele Jahrzehnte hinweg zusammen halten. Das alles ist vereint in einem wirklich tollen Roman, der am Ende weitaus mehr Inhalt und Spannung bietet, als man es von knapp 300 Seiten erwarten durfte. Die Kapitel über das Schicksal Iljas und Galinas gehören zum Besten, das ich in letzter Zeit gelesen habe, die Kapitel über die Ereignisse in der Gegenwart kommen da zwar nicht ganz heran, bilden aber eine passende Klammer über die Ereignisse.

Alles zusammen: ein Highlight des Jahres 2012!

Habe dieses gerade fertig gelesen, kann das nächste Buch von Mechtild Borrmann aber schon jetzt kaum erwarten – ganz egal in welchem Genre das dann beheimatet sein wird.


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