Buchbesprechung/Rezension:

Marc-Uwe Kling: VIEWS

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verfasst am 07.07.2024 | einen Kommentar hinterlassen

Autorin/Autor: Kling, Marc-Uwe
Genre: Kriminalromane
Buchbesprechung verfasst von:
LiteraturBlog Bewertung:

Ein Kriminalroman, der das thematisiert, was die 2020er-Jahre bisher zu einem Jahrzehnt der dramatischen Rückschritte in Politik, Gesellschaft, Zusammenleben und Menschlichkeit macht. Die Richtung weist in die dunklen Jahre, in denen vor nicht einmal achtzig Jahren unsere Länder, ganz Europa, die ganze Welt in Gewalt versanken.

Marc-Uwe Kling packt diesen Zustand unserer Welt in einen Kriminalroman über den oft verstörenden Zustand der Welt in der Gegenwart.

Zuerst verschwindet die sechzehnjährigen Lena Palmer. Wenige Tage später taucht ein Video auf, in dem man sieht, wie die junge Frau von mehreren Männern, offensichtlich schwarzafrikanischer Herkunft, vergewaltigt wird. Das wenige, was man aus dem Video an Informationen entnehmen kann, ist, dass es sich bei den Männern wahrscheinlich um Flüchtlinge aus einem französischsprachigen Teil Afrikas handeln könnte.

Die Brisanz des Falles, die politische Dimension und der Umstand, dass schon bald aus dem rechtsextremen Eck nach Rache und Selbstjustiz geschrieen wird, bringt das Bundeskriminalamt ins Spiel. Kommissarin Yasira Saad leitet die Ermittlungen.

Trotz intensiver Suche bleiben der Ort des Geschehens, die Täter und vor allem auch der Verbleib von Lena unbekannt. Bis ein weiteres Video auftaucht, in dem anscheinend die Hinrichtung eines der Täter zu sehen ist.

Was sind das für Menschen?

Was mir an diesem Roman wirklich nahe geht?
So etwas könnte tatsächlich geschehen.

Die unweigerliche Automatik an Reaktionen und Gegenreaktionen, die sich durch die sintflutartige Verbreitung von bewussten oder unbewussten Lügen ergeben, ist nicht aufzuhalten. Ein Vorgang, den wir tagtäglich miterleben.

Wenn Yasira angesichts dieser ungezügelten Ausbreitung von Hass und Aufrufen zur Gewalt im Internet persönlich immer wieder nur mit Unverständnis reagieren kann, dann weiß ich ganz genau, was die Hauptdarstellerin bewegt, denn ergeht es mir doch haargenau so: Was für Leute sind das, die derart jede Zurückhaltung aufgeben, jede Grenze überschreiten

Ein Kriminalfall, der erschreckend nahe an dem ist, was wir uns in unserer Gegenwart vorstellen können. Und wahrscheinlich noch näher an dem, womit wir es in Zukunft zu tun bekommen.

Der Krimi wird zu Science Fiction und umgekehrt. Vielleicht ist vieles aus diesem Roman noch Utopie – aber wer kann das schon wissen.

Wenn man dann aus dem Buch eine Erkenntnis mitnehmen kann, dann die, dass der Augenschein trügerisch sein kann. Gerade zu diesem Punkt fügt Marc-Uwe Kling dem Roman eine Dimension hinzu, die beinahe an eine Horrorgeschichte grenzt; und doch bedrohlich nahe an der Wirklichkeit ist.

Am Ende bleibt bei mir ein Gefühl der Beunruhigung, so sehr lässt Marc-Uwe Kling die Grenzen zwischen Gegenwart und Zukunftsausblick, Realität und Fantasie verschwimmen. Das macht aus diesem Roman mehr als einen Krimi, es ist in gar nicht so verschlüsselter Art und Weise ein Roman über das Hier und Heute.

PS: wieder einmal stelle ich fest, dass ein Buch nicht 400+ Seiten umfassen muss, um Eindruck zu hinterlassen. Weniger als 300, so wie hier, schaffen das auch.




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