Mechtild Borrmann: Grenzgänger

verfasst am 03.10.2018 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Borrmann, Mechtild, Romane

Es ist eines der Markenzeichen von Metchild Borrmann-Romanen: Ereignisse aus der weiteren und Ereignisse aus der jüngeren Vergangenheit bewegen sich aufeinander zu; wie es begonnen hatte und wie sich später alles entwickelt hatte, wird nebeneinander erzählt. Womit wir beim anderen Markenzeichen angelangt sind: diese ungemein dichte, enorme spannungsgeladene Erzählweise, der man sich nicht entziehen kann und sich auch überhaupt nicht entziehen möchte.

Zuerst war es eine ganz normale, beinahe glücklich zu nennende Familie. Henni, ihre drei Geschwister, Mutter, Vater. Dann kam der Krieg und der Vater musste an die Front. Der Mann, der 1945 zurück kam, war ein ganz anderer geworden; in sich gekehrt, ohne Interesse an seiner Familie, antriebslos, ohne Arbeit. Als dann die Mutter starb, musste Hennie, mit 14 Jahren die große Schwester, es übernehmen, die Familie über die Runden zu bringen.

Sie schloss sich den Schmugglern an, die Kaffee über die Grenze aus Belgien trugen, brachte genug Geld nach Hause, um allen ein gutes Leben zu ermöglichen; und der Vater nahm es hin, fragte nicht, kümmerte sich nicht.

Alles änderte sich, als es zu einem fürchterlichen Zwischenfall kam, bei dem Hennie und ihre Geschwister von den Zöllnern beim Schmuggeln überrascht werden. Völlig unter dem Einfluß des örtlichen Pastors schickte der Vater ihre Brüder in ein Heim, Hennie kommt ins Erziehungsheim, die Geschwister verlieren für viele Jahre den Kontakt zueinander.

Die nächste Katastrophe ereignet sich im Jahr 1970 – und wieder steht Hennie im Mittelpunkt.

Dieser Beginn des Romanes an den zwei Enden 1945 und 1970, das fortwährende Vor und Zurück in der Zeit, erfordert gleich von Beginn an die ganze Aufmerksamkeit beim Lesen. So wie die Sicht auf die Zusammenhänge Kapitel für Kapitel klarer wird, so steigt auch der Sog mit jeder Seite; der Sog, der mich beim Lesen förmlich in das Buch, in diese Handlung hinein zog.

Das wirkliche Thema dieses Romanes ist das Schicksal der Heimkinder in den Jahren nach dem Ende des Krieges. Das Thema ist auch die verlogene Moral von Würdenträgern der Kirche, die sich mit Christlichkeit schmückten, aber von einem strafenden Gott predigten und daraus ihr Recht zu Gewalt und Einschüchterung und Rache ableiteten.

Es ist eine unglaublich erschütternde Abrechnung mit den Vorkommnissen, von denen wir in den letzten Jahren immer wieder hörten und noch immer hören. Als sich ehemalige Heimkinder erst nach Jahrzehnten an die Öffentlichkeit wagten, um über die unerträglichen Zustände in kirchlichen (und auch öffentlichen) Heimen, über Misshandlungen und Unterdrückung und Gewalt zu berichten.

Hennie und ihre Geschwister geraten in diese Mühle und können sich nicht daraus befreien. Niemand glaubt ihnen, die Ordensschwestern, die Aufseherinnen können schalten und walten, wie sie wollen; denn wer soll diesen Zöglingen glauben, sollten sie jemandem davon erzählen. Und der Vater? Der ist zu schwach, der interessiert sich nicht, glaubt lieber den verlogenen Ordensschwestern und dem hasserfüllten Pastor.

Ich kann mich nicht erinnern, schon einmal ein Buch in Händen gehabt zu haben, in dem ich mich manchmal beinahe schon fürchtete, auf den folgenden Seiten das zu lesen, was man sich schon ausmahlen konnte. Ungeheuerlich, wie es zuging und unglaublich, was die Kinder und Jugendlichen zu ertragen hatten.

Mechtild Borrmann macht aus diesen heute bekannten Zuständen und dem fiktiven Schicksal von Hennie und ihrer Familie einen unglaublichen Roman. Zwischen Staunen und Entsetzen schwanken die Gefühle beim Lesen, Gedanken wie “das kann doch nicht wahr sein” kommen auf, doch es ist wahr – so wie es hier steht, so oder so ähnlich fand es damals wirklich statt.

Ein Buch, das gelesen werden muss.
10 von 5 Sternen!


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