Borrmann, Mechtild: Wer das Schweigen bricht

Es mag tausende, zehntausende Male in den letzten Jahren und Jahrzehnten geschehen sein. Bei der Durchsicht des Nachlasses der Verstorbenen tauchen plötzlich Bilder, Dokumente auf, die an eine dunkle, an eine frühere Zeit erinnern. Jene Bilder, die in sepiabraunen verblassenden Farben Motive zeigten, über die all die Jahre niemand mehr sprach, Dokumente, die niemand jemals wieder sehen wollte.

Roland Lubisch ist der Sohn eines Mannes, der damals, in der Zeit des Dritten Reiches und des Krieges ein junger Mann war. Nun ist der Vater tot und der Sohn sichtet die Hinterlassenschaft. Ein SS-Ausweis ausgestellt auf den Namen „Wilhelm Peters“ und das Bild einer jungen Frau: zwei Dinge, die er findet, die er jedoch nicht mit dem Leben seines Vaters in Verbindung bringen kann.

Wer ist der Mann, dessen Ausweis er in einer alten Zigarrendose am Schreibtisch des Vaters findet, wer ist diese junge Frau? Keine wirklich brennenden Fragen in dem Moment der Trauer und so dauert es einige Wochen, bis ihm, wieder daheim, diese Fundstücke wieder in die Hände fallen. Nun wecken sie seine Neugierde und werden zu einem Geheimnis, das er erforschen will, einem Geheimnis, dessen Enthüllung vielleicht das in seiner Erinnerung übermächtige Bild des Vaters  ein wenig zurecht zu rücken hilft.

Mit Hilfe einer Notiz auf der Rückseite des Bildes kann Roland bald eine Spur finden und trifft dabei, zufällig,  auf die Journalistin Rita Albers, deren professionelles Interesse an der Sache schnell geweckt ist. Doch während für Roland schon bald alle ihm wichtigen Fragen geklärt sind, lässt sich Rita Albers nicht abhalten, tiefer zu graben.

Überraschende Funde in der Hinterlassenschaft der Verstorbenen mögen meist wohl keine weiteren Folgen haben, die Fundstücke oft wieder in irgendeiner Erinnerungs-Kiste landen oder schlicht und einfach entsorgt. Hier aber ist es ganz anderes. Es scheint, als ob durch das Auftauchen der Unterlagen ein altes, schlafendes Ungeheuer geweckt wurde.

In kurzen Szenen spielen sich die Geschehnisse von damals, beginnend mit dem Jahr 1939, kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges, und heute ab. Abwechselnd, einmal in der Gegenwart, einmal in der Vergangenheit nähern sich die Namen, die Personen, die Ereignisse zeitübergreifend und unwiderstehlich einander an. Vergangenheit und Gegenwart finden wieder zueinander, trotz aller Bemühungen, die verbindenden Spuren zu verwischen. Und so geschieht es, dass Ereignisse, die vor fast 60 Jahren ihren Anfang nahmen, einen Mord in der Gegenwart zur Folge haben.

In unspektakulärer aber enorm einfühlsamer und einnehmender Erzählweise schildert die Autorin Mechthild Borrmann die Zwänge, in denen sich damals, in der Nazizeit, die Menschen bewegen mussten – oder wollten. Wie die Menschen alles taten, um sich dabei nicht selbst zu verlieren und wie sie diese Maske, die sie gezwungen waren in der Nazizeit zu tragen, auch nach deren Ende nicht einfach so ablegen konnten. Wie sich sich aneinander klammerten oder voneinander Abstand hielten. Wie andere sich ganz und gar den damals neuen, so verheissenden Ideologien hingaben, wie sie danach hin- und hergerissen waren zwischen bestürzter Schuld-Erkenntnis und Trauer über den Verlust vermeintlicher Größe. Wie sie alle zu ganz anderen Menschen wurden als sie vor dieser Zeit waren.

Am Beginn des Buches freute ich mich über ein, wie sich später heraus stellte sehr hilfreiches, Personenregister. Danach begann es mit einem fast besinnlichen Kapitel über Rolands letzte Stunden im Haus des verstorbenen Vaters, als er noch einmal die alten, vertrauten Räume durchwanderte um sie danach für immer zu verlassen. Nach dem Ende dieses ersten Kapitels wurde der Roman mit jedem weiteren Kapitel unmerklich schneller, dichter – vergleichbar mit Ravels Bolero, der langsam anschwillt und am Ende in einem furiosen Finale endet.

Eine absolute Leseempfehlung für alle, die spannende und aussergewöhnlich gut erzählte Geschichten lieben (mit der Betonung auf erzählt!).

PS: es gibt viele schöne Sätze in diesem Buch, einen fand ich besonders (S. 137)
„Fedir ist erst … siebenundzehn“, erklärte er leise, und sie freute sich über diese Zahl, die ihr so fremd und doch so richtig vorkam.

PPS: der Text auf dem Buchrücken ist nach meinen Geschmack gelinde gesprochen eine Frechheit und wertet  im Grunde genommen diesen tollen Roman ab. Erstens vermittelt er teilweise Falsches und endet Zweitens mit dem Satz: „Danach ist nichts mehr, wie es einmal war„. Noch einfallsloser und banaler ging es wohl nicht?



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