Buchbesprechung/Rezension:

Mechtild Borrmann: Glück hat einen langsamen Takt


verfasst am 01.04.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Borrmann, Mechtild, Kurzgeschichten
LiteraturBlog Bewertung:

Mit dem Titel dieses Buches (zugleich der Titel einer der Geschichten) ist schon viel über seinen Inhalt gesagt. Wobei die Betonung auf „Langsamer Takt“ liegt, das Wort „Glück“ ließe sich durch ein paar andere Wörter ersetzen, die ebenso gut passen würden: Unglück, Vergangenheit, Erinnerung, Wehmut, Freude, Enttäuschung, Sehnsucht, Rache.

Alleine mit solchen Titeln ist das Buch schon zu einem großen Teil beschrieben.

Was man dazu sonst noch wissen muss?
Dieses: Nach den großartigen Romanen, die Mechtild Borrmann in den letzten Jahren geschrieben hat, wird man nun feststellen, dass sie auch ganz großartige Kurzgeschichten schreibt.

Jede dieser Geschichten finde ich bemerkenswert und eine einzelne hervorzuheben, würde ungerecht gegenüber den anderen sein. Oft dreht es sich um die gegenseitige Abhängigkeit von Menschen und darum, dass man sich daraus kaum lösen kann. Dann wieder Alkohol und Gewalt, falsche Entscheidungen oder verpasste Chancen.

Wenn sich beispielsweise der alte Mann an die Zeit erinnert, als er als junger Mann nicht stark genug war und nicht den Mut aufbrachte, sich gänzlich zu seiner Liebe zu bekennen. Sie war eine Ausgestoßene, als die Rassengesetze aus Nachbarn und Freunden Fremde machte und als er zu spät erkannte, wie sehr er sie mit seinem Zögern verletzte. Oder diese Geschichte, die einen Einblick gibt, wie es Eltern geht, deren Kind sich als gefühlloser Verbrecher herausstellt. Oder eine Geschichte über die Ungleichheit der Liebe, die einer ganz einfach beiseite wischen kann, während der andere sie ein Leben lang nicht abstreifen kann. Gleich mehrere Geschichten erzählen davon, wie sich ein altes Unrecht über Jahre, von den anderen unbemerkt, in den Gedanken einnistet, solange bis die Gelegenheit kommt, Vergeltung zu üben.

Und immer wieder die Frage, wie weit man es selbst in der Hand hat, sein Schicksal zu bestimmen, oder ob man sich von anderen in ein Leben drängen lässt, dass weniger das eigene als das der anderen ist.

20 großartige Geschichten über 20 Lebenswege und Begegnungen. Nur selten ist Glück dabei, aber immer ein bewegtes und bewegendes Schicksal. Manchmal ist es ein kurzer Krimi, ein Thriller über wenige Seiten, manchmal wie ein Auszug aus dem Tagebuch eines Menschen, der sich an eine Station seines Lebens erinnert.

Meine Empfehlung dazu:
Man sollte man sich beim Lesen unbedingt Zeit nehmen – auch wenn man wahrscheinlich recht schnell mit dem Lesen fertig wäre, sollte man es sich über ein paar Tage aufteilen. Es bleibt mehr davon.




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