Haruki Murakami: 1Q84 Buch 3

verfasst am 14.11.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Murakami, Haruki, Romane

Es ist von Anfang an wieder da:  eingefangen von der klaren, manchmal fast übertrieben einfachen Sprache des Buches versinkt man in der Welt von Aomame und Tengo, hat das gleiche vertraute Gefühl wie schon beim Lesen des ersten Buches (eigentlich Buch 1+2), ist mitten im Buch, mitten in der Erzählung, mitten in dieser anderen Welt.

Die Lektüre des ersten Buches ist schon fast ein Jahr her, mehr als ein paar grobe Erinnerungsfetzen hatten sich da nicht gehalten. Haruki Murakami verwebt dann, so als ob es für den Fortgang der Erzählung genau an dieser Stelle nötig wäre, fortwährend ein ganze Menge an Hinweisen auf den Beginn der Geschichte, auf die Personen, auf den Ursprung der Situation, in der sie sich befinden – und siehe da: alles tauchte Schritt für Schritt wieder aus der Erinnerung auf  und selbst ein Nachlesen meiner eigenen Besprechung hier im Blog war nicht nötig.

Schwer, den Inhalt von Buch 3 so zusammen zu fassen, dass man nicht zu viel über das Ende von Buch 1+2 erfährt. Nur so viel: Aomame und Tengo haben an vielen Orten und Zeiten Hinweise gefunden, die beide zueinander führen können, doch es ist noch nicht soweit. In ihren Gedanken sind sie schon nahe beisammen, in diesem Jahr 1Q84, das nun schon so lange dauert. Anderseits ist es sehr einfach, den Inhalt zusammen zu fassen: das, was sich in Buch 1-2 zugetragen hat, wird nun weiter geführt. Mehr nicht, aber das reicht aus (wahrscheinlich auch noch für Buch 4,5,6, etc.)

Man hat einen Roman in der Hand, der neben Science Fiction, Fantasy, Thriller und Krimi auch noch ein Liebesroman ist. Oder gar nichts davon … oder noch viel mehr. Mit einfachen, klaren Worten und Sätzen zog Murakami mich in diese einerseits vollkommen reale andererseits völlig fremdartige Welt hinein. Wo gibt es denn bei uns „Puppen aus Luft“? Oder 2 Monde? Oder einen Gebühreneintreiber (dessen Identität ein neues Rätsel darstellt), der an Türen klopft, dabei aber unsichtbar bleibt? 

Es kommt kein Wort zu viel in die Sätze, keine schriftstellerischen Kunstgriffe sind zu finden, hier gibt es schlicht und ergreifend nur die zum Geschehen gehörigen Worte in kurzen Sätzen. Das macht 1Q84 zu einer sehr einfach zu lesenden Lektüre.

Doch auch das sollte man wissen, bevor man sich ans Lesen macht:  die eigene Vorstellungskraft wird vehement gefordert. Denn Murakami liefert mit seinem Buch (nur?) den schnörkellosen Rahmen, um die verspielten, die bildhaften Details muss/kann/darf man sich, je nach Gutdünken in seinen Gedanken selber kümmern. Wenn man das will, dann wird sich eine tiefe Freundschaft zum Buch 3 entwickeln. Ich wollte das und wir (Buch und ich) wurden Freunde, die viele entspannde, ruhige Stunden miteinander verbrachten, in denen ich immer wieder abschweifte und ein wenige die beim Lesen entstandenen Bilder wanderte.

So wurde Buch 3 fast noch  mehr als Buch 1+2 eine phantasievolle Reise durch die Welt von Aomame und Tengo, immer scharf an der Grenze von Realtität und Fantasie. Und so viel kann man verraten: Tengo und Aomame finden zueinander (denn das ist in Wahrheit keine große Erkenntnis, denn darauf läuft es doch schon seit Buch 1 hinaus).

Es gibt Ausflüge in die Realität wenn sich ein Privatdetektiv an Anomames und Tengos Fersen heftet und Ausflüge in eine Art von Flower-Power-Welt mit zwei Monden, wandernden Seelen und überraschenden Schwangerschaften. Meistens aber ist gar nicht klar, wo man sich befindet, so sehr vermischen sich die Elemente miteinander –  typisch Murakami, bin ich fast versucht zu bemerken, jedenfalls erfüllt er damit die Erwartung seiner Leserschaft.

In Summe war es für mich nicht so überraschend wie Buch 1+2, das hatte wohl auch damit zu tun, dass in diesem Buch die (Handlungs-)Fäden zu einem gemeinsamen Finale zusammen finden sollten/wollten – oder auch nicht Finale, denn es ist nicht ausgeschlossen, dass es auch ein Jahr 1Q85 geben wird oder 1Q84 in eine Verlängerung geht.  In Summe auch nicht ganz so überzeugend,  oft ist es ein Spagat zwischen dem Fortschreiben der Geschichte und der Wiederholung von bereits Bekanntem aus Buch 1+2 (für alle, die sich nur mehr an wenig daraus erinnern und für NeueinsteierInnen). In Summe manchmal ein wenig langatmig, wenn Murakami viele Zeilen mit Themen verbringt, die doch keinen klärenden Fortschritt in der Handlung mit sich bringen.

Vielleicht nicht so ganz so gewaltig wie Buch 1+2 aber trotzdem eine unbedingte Leseempfehlung, wenn man zu den Menschen gehört, die es lieben in einem Buch zu versinken!! Und ein Muss, wenn man 1+2 gelesen hat – so ist das eben mit den Fortsetzungen, man kommt einfach nicht daran vorbei.

PS: im Übrigen gilt das, was über Buch 1+2 zu sagen war, hier weiter, denn es ist eine einzige Geschichte.

PPS: praktisch jedes Jahr wird Haruki Murakami als ein Kandidat für den Literatur-Nobelpreis genannt. Ob er sich mit diesem Buch dafür empfohlen hat, oder ob er sich damit in Richtung Kommerz entwickelt, ist eine Frage, die die Leserschaft spalten wird. Und ich bin mir mit mir darüber auch nicht ganz einig.



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