Haruki Murakami: Tony Takitani

verfasst am 05.07.2012 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Erzählung, Murakami, Haruki

Man nimmt es in die Hand, ein kleines Büchlein, es wirkt mehr wie ein Sammlerstück als etwas zum Lesen. Dann schlägt man es auf und findet aus dem Film zur Erzählung „Tony Takitani“ ein paar stimmungsvolle Bilder, aus Haruki Murakamis Feder ein paar stimmungsvolle Seiten. Und stellt fest: es ist sowohl Sammlerstück als auch Literatur.

Seine ersten Lebensjahre waren geprägt von der Bürde seines Vornamens. In Japan nach dem 2. Weltkrieg mit einem amerikanischen Vornamen aufzuwachsen, das musste in der grausamen Welt der Kinder wohl oder übel zu einigen unschönen Szenen führen. Ein Mischlingskind wäre er, obwohl Tony tatsächlich ein 100%iger Japaner war.

Nur hatte sein Vater, die Mutter starb wenige Tage nach der Geburt, sind einfach nichts dabei gedacht, als er seinen Sohn nach einem gutem Freund, einem Major der US-Armee nannte.

Nun, daran konnte man nichts mehr ändern und Tony lernte, sich von seinem Mitmenschen zu distanzieren, anstatt sich für seinen Vornamen rechtfertigen zu müssen. Er begann es zu genießen alleine, von niemandem abhängig zu sein. Das kann ein kleiner Name, unbedacht vergeben, bewirken. Man möge mir den Einwurf verzeihen, aber würden Eltern mehr an ihre Kinder als an sich selbst denken, dann gäbe es weit weniger Vornamen, mit denen Menschen ein Leben lang gestraft bleiben. Aber Kevin war ja auch allein zu Hause, genauso wie Tony Takitani es immer öfter war.

Ganz alleine schaffte er es, zu einem viel beschäftigten und gut bezahlten Illustrator zu werden. Doch fehlte es ihm weiterhin an einer tiefen Beziehung zu einem anderen Menschen. Bis er eines Tages in seinem Verlag dieses  junge Frau sah, die ihn mit Ihrer gesamten Erscheinung bezauberte.

Wenn man ein paar Absätze weiter den Satz „Und so heirateten die beiden.“ liest, dann weiß man spätestens jetzt, dass Haruki Murakami hier ein modernes Märchen erzählt. Tonys bislang einsames Leben scheint zu Ende zu sein, ab nun wird er es mit einem Menschen teilen können. Wer sich jetzt daran erinnert, dass die Märchen nicht nur schönen Schein sondern meist auch gnadenlose Grausamkeit beinhalten, ahnt, dass es in dieser Erzählung zu einer Wendung kommen muss, die Tony wieder zurück in seine Einsamkeit treibt. Und wird in dieser Ahnung bestätigt.

Den  Film zu dieser Erzählung kenne ich nicht. Doch die daraus entnommenen Bilder, die die Erzählung umrahmen, vermitteln wohl genau die Stimmung, in die Murakami seine Leserinnen und Leser versetzt. Wehmut schwingt mit, die Welt existiert nur in gedämpften Farben, so als ob der unbeschwerte Teil herausgelöscht wäre. Auf rund einem Viertel der 64 Seiten dieses Büchleins findet man diese Bilder, der Rest ist spärlich bedruckt.

Mag es zu Beginn aussehen, als ob man das in ein paar Minuten durchgelesen hätte, nimmt es dann doch etwas mehr Zeit in Anspruch. Denn Murakami bringt auch in diesen wenigen Absätzen viel an Athmosphäre und Gefühlen unter. Was mich zu der Gesamt-Bewertung „kleines, feines Meisterwerk“ bringt.

Eine Lese-Empfehlung, auch wenn der Preis von rund 16,- Euro  sicherlich vielen ein wenig übertrieben scheint. Ist es aber nicht. Man bekommt dafür ein schönes Buch, schöne Bilder, schöne Stimmungen – ein Sammlerstück eben.



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