Murakami, Haruki: 1Q84

verfasst am 03.01.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Murakami, Haruki, Romane

Von Beginn an liegt über den Seiten des Buches ein Schleier des Unwirklichen, des Surrealen. Nach ein paar Sätzen stellt sich ein Gefühl ein, so als ob man etwas übersehen, vergessen hätte, doch das ist es nicht. Klare Sprache und Sätze, in denen es nichts gibt, an dem man herum interpretieren könnte, lassen nur einen Schluß zu: nichts hat man selbst vergessen, alles kommt aus der Feder des Autors, er erschuf diese kaum greifbare Welt.

Es sind zwei Geschichten, die – anscheinend – nur eines gemeinsam haben: sie handeln in Tokio im Jahr 1984. Aomame steht im Mittelpunkt der einen Geschichte und das erste Zusammentreffen mit ihr findet in einem Taxi statt. Aomame, ein Taxi, Musik von Janacek, ein Taxifahrer, der vollkommen anders scheint, als man es von einem Taxifahrer in Tokio erwarten würde und ein endloser Stau auf der Stadtautobahn.

Das Gefühl des Übersehens stellt sich auch bald bei Aomame selbst ein, nachdem sie einen ungewöhnlichen Weg aus diesem Stau finden musste, um zu rechtzeitig zu ihrem Geschäftstermin zu kommen. Und der ist nicht weniger ungewöhlich.

Tengo ist Mathematiklehrer und Schriftsteller. Er steht im Zentrum der zweiten Geschichte. Ein beeindruckendes schriftstellerisches Erstlingswerk landet in seinen Händen. Beeindruckend, suggestiv, aber ungeschliffen. Seine Aufgabe ist, eine Vorauswahl für die Einreichung zu einem Literatur-Wettbewerb zu treffen. “Die Puppe aus Luft”, das Buch, das er von seinem Redakteur Komatsu zur Beurteilung erhält, ist pure Phantasie, erdacht von Fukaeri, einem 17-jährigen Mädchen, fesselnd im Inhalt, aber ungeschliffen im  Stil, in dieser Form nicht geeignet für die Einreichung.

Die ersten Kapitel aus jeder der beiden Geschichten sind gelesen und das Gefühl wird immer dichter: mysteriös, verschleiert, wie durch einen Nebel, der vorbeizieht, den man aber kaum bemerkt.

Wir erfahren immer mehr über Aomame, ihre Vergangenheit und ihre Gegenwart. Über Tengo, wie er zu dem wurde, was er heute ist, wir folgen ihm auf seinem Weg durch das Buch, wie er hineingezogen wird in die Aufgabe, daraus ein Werk zu schaffen, dass nicht nur den Ansprüchen der Phantasie sondern auch den Ansprüchen der Literaturkritiker genügt. Tengo lernt die junge Autorin kennen, erhält ihr Einverständnis, das Buch zu überarbeiten, wird angetrieben von seinem Redakteur, der einen verwegenen – und nicht ganz legalen –  Plan entwickelt hat.

Auf den Spuren von Aomame und Tengo. Durch ein Tokio, von dem sich Seite für Seite immer mehr heraus stellt, dass es dieses Tokio nicht gibt. Die Handlung begann im April des Jahres 1984 um dann, irgendwo zwischen zwei Sätzen, in eine andere Realität abzugleiten. 1Q84 – wenn man es richtig aussprechen will müsste man 1Fragezeichen84 – schreiben, ist irgendwann, irgendwo und Aomama, Tengo und wir sind dorthin gelangt und glaubten lange Zeit, wir wären noch hier in unserer Welt.

Ein Kapitel mit Aomame, eines mit Tengo, immer geht es abwechseld hin und her. Ihre Geschichten entwickeln sich unabhängig von einander immer weiter, nichts deutet zuerst darauf hin, dass sie zusammen treffen werden. Doch dann wächst das Gefühl, das genau das geschehen wird, ist da die Spannung, was dieses Zusammentreffen mit sich bringen wird und die Neugier zu erfahren, was diesen beiden schon von Beginn an verbunden hat. Ein Kapitel mit Aomame, eines mit Tengo, immer näher kommen sie zueinander.

Eine Sekte, über die niemand genaues weiß – außer, dass sie möglicherweise auch  Orwell’s 1984 entsprungen sein könnte. Little People, die nur in der Dunkelheit hervor kommen, zu beliebiger Größe anwachsen und scheinbar alles durchdringen. Zwei Monde am Himmel, einträchtig nebeneinander. Kundschafter, denen nicht das kleinste Detail entgeht. Ein Auftrag, der am Ende das Leben kosten könnte. Viele dünne Fäden, die Kapitel für Kapitel dichter und fester gesponnen werden.  Je dicker die Fäden werden, desto mehr von dem, was man am Anfang glaubte überlesen oder vergessen zu haben, wird deutlich.

Es sind viele Aspekte, die mich beeindruckt haben. Einer  ist diese klare, schnörkellose Sprache, die ohne viel Beiwerk mit wenigen Worten ein sehr konkretes Bild im Kopf entstehen lässt. Wer immer im Buch auftaucht, was immer gerade passiert, alles ist klar, alles konkret, alles real.

Und dann aber auch wieder nicht, denn bei all der Klarheit der Sprache schwingt immer etwas Unwirkliches mit, das die Spannung und Vorfreude auf die nächsten Sätze, Seiten, Kapitel immer weiter erhöht. Da können sich auch mehr als 1.000 Seiten anfühlen und lesen wie eine Kurzgeschichte.

Ein anderer ist die Art und Weise, wie die Welten von Aomame und Tengo entstehen, ihre realen Welten und jene, in die sie unmerklich abgeglitten sind. Das ist phantasievoll und realistisch zugleich. Die Charaktere werden Schritt für Schritt real und gewinnen mit jedem Absatz mehr an Tiefe und Persönlichkeit.

Ein Roman über Parallelwelten muss noch lange keine Science Fiction sein, man kann auch ganz ohne Klingonen und Jedi-Ritter in fremde Dimensionen entführt werden, und ein Roman über Mord muss noch lange kein Krimi sein, eine spannende Geschichte noch lange kein Thriller. Es ist alles zusammen, eine einzigartige Illusion, die im April 1984 begann und in irgendeinem September endet.

Einer direkten Zuordnung zu einem Genre entzieht sich dieses Buch , ausser dieser: dem Genre der beeindruckenden und lesenwerten Bücher. Eines, das von Beginn an einen unwiderstehlichen Sog entwickelte, dem ich mich nicht entziehen konnte (und wollte).



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