Roberto Bolaño: Chilenisches Nachtstück

verfasst am 23.08.2010 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Bolaño, Roberto, Romane

Aus den Gedanken des sterbenden Literaturkritikers entsteht ein subjektiver, von Selbstrechtfertigung triefender, ausschweifender Blick zurück auf sein Leben. Voll von den nebensächlichen Details, an die er sich erinnern möchte um sich sein eigenes Lebensbild zu erhalten, voll von Auslassungen, die dieses Bild stören.

Von dem Anspruch, ein gefeierter Dichter zu werden weit entfernt wurde der Priester Sebastián Urrutia Lacroix Kritiker, Literaturkritiker, auf dessen Worte das Land hörte,  dessen Urteil die Dichter und Poeten respektierten, dem dabei die Fähigkeit zur Selbstkritik verloren ging.

Er resümiert über alle jene Berühmtheiten, die er in seinem Leben traf, erinnert sich im Fieber, das seinen Tod ankündigt, an die Größen der Geisteswelt, deren Weg er kreuzte. Erinnert sich an die vielen Details ihrer Sprache, ihrer Ausführungen, ihrer Handlungen und ihrer Vorstellungen. Er verliert sich im Unwesentlichen und findet keinen Raum mehr für das Wichtige. Geschichten, die er hörte, die man ihm erzählte, kommen wieder an die Oberfläche. Er verfügt über großes Wissen, doch nur über die Kunst und die alte Geschichte, das Verständnis für die Geschehnisse seiner Gegenwart fehlt ihm jedoch zur Gänze.

Die Zeit des 2. Weltkriges, als er in Paris auf Ernst Jünger traf. Das ersten Treffen mit Pablo Neruda. Die Reise nach Europa zum Studium der Falkenjagd, mit der man dort der Taubenplage Herr wurde. Und die homoreotischen Avancen seines Förderers Farewell. Der Aufstieg und baldige Fall von Salvador Allende, dessen Tod, Gott sei Dank, sogleich die Wiederherstellung der katholischen Ordnung folgte. Die Lektionen über den Marxismus vor der chilenischen Militärjunta. Das Wissen, das Pinochet selbst Bücher schrieb, militärische Themen zwar aber doch Bücher schrieb, was ihn unzweifelhaft zu einem aus des Kritikers bevorzugten Kreisen machte.

Alles das ist ihm am Ende seinen Lebens wichtig, fügt es sich doch in sein selbst gewolltes Vermächtnis. Was die Welt in diesen Zeiten wirklich prägte, das aber hat der Kritiker ausgeblendet, sieht von ihr nur den kleinen Ausschnitt, den er zu sehen bereit ist. Er selbst wird größer durch die Größen, die er kannte, die Welt herum mag in Unterdrückung und Terror versunken sein, doch ihn selbst betrifft es nicht, er sieht es nicht, will es nicht sehen und wird zum Dulder des Unrechts und der Gewalt an anderen. Und meint schlußendlich doch,  Gutes und Wichtiges getan zu haben, blendet die kurzen Momente des Selbstzweifels aus.

Dieses Buch als eine direkte Anklage zu sehen wäre zu viel. Vielmehr wird man sich selbst beim Lesen zuerst über die Abgehobenheit des Erzählers wundern und wird sich dieses Wundern mit der Zeit in Unverständnis und dann in Abneigung verwandeln.

Wie kann man in Zeiten der Unterdrückung anders denkender so einfach und ausschließlich in seiner, wie er meint intellektuellen, Geisteswelt verharren? So als ob man sagte, dies alles rundherum ist nur der vergängliche Lauf der Welt, doch dort wo ich mit meinen Gedanken weile, dort wird ewig Bleibendes geschaffen und nur das zählt.

Bolaño überlässt es uns selbst zu urteilen, er gibt uns nur die Werkzeuge zur Hand um das Urteil fällen zu können. Detailreich, ausschweifend, anspruchsvoll, überzeichnend, anmaßend, poetisch, vülgär.  Einfach macht er es uns dabei nicht, sein unvergleicher Stil fordert beim Lesen alles ein. Nur 150 Seiten, aber es sind 150 Bolaño-Seiten mit Bolaño-Sätzen, die so wirken wie es andere Bücher auf hunderten Seiten nicht schaffen.



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