Buchbesprechung/Rezension:

Gayl Jones: Corregidora


verfasst am 17.08.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Gesellschaftromane, Jones, Gayle
LiteraturBlog Bewertung:

Dies ist ein Roman, bei dem man beim Lesen förmlich fühlt, dass er einfach geschrieben werden musste: wie er direkt aus dem Herzen und aus den Gedanken seiner Schöpferin entsprungen ist, als hätte alles das, was hier steht, unwiderstehlich aus ihr hinausgedrängt, um der Welt erzählt zu werden.

Gayl Jones erschuf für ihren Roman die Figur der Erzählerin Ursa Corregidora, sie ist eine Nachfahrin von Sklaven, die über Südamerika in die USA kamen. Ursa lebt, es ist das Jahr 1947, in Kentucky, sie singt in einem Lokal mit dem Namen „Happy“ den Blues.

Dieser Blues gibt zugleich auch die Melodie für den ganzen Roman vor –  seine Sprache, seine Sätze, seine Worte, alles das wiegt sich gewissermaßen im Rhythmus der Gedanken an eine nachwirkende Vergangenheit und verwirrende Gegenwart.

Die Vergangenheit:
Ursas Urgroßmutter Dorita war im 19. Jahrhundert die Sklavin eines portugiesischen Sklavenhalters in Brasilien, dessen Sklavinnen nur zu seiner eigenen sexuellen Befriedigung und der Männer, die er zu ihnen brachte, zu dienen hatten. Ursas Urgroßmutter brachte eine Tochter, Ursas Großmutter, zur Welt, die später von ihrem eigenen Vater, dem Sklavenhalter, vergewaltigt wurde. Zwei Corregidora-Frauen, die denselben Vater hatten, Mutter und Tochter waren zugleich auch Geschwister.

Nach dem Ende der Sklaverei in Brasilien wanderten Ursas Vorfahrinnen in die USA aus. Ihre Geschichte, die Geschichte der Unterdrückung wurde weitererzählt zu Ursas Mutter und schließlich auch zu Ursa. Es ist eine Erinnerung, die sich wie ein Instinkt in das Denken und Leben dieser vier Generationen eingenistet hat; ein immer gegenwärtig bleibendes Trauma, weitergegeben von einer Generation zu anderen

Die Gegenwart:
Nach einer Auseinandersetzung mit ihrem Mann Mutt stürzt Ursa so unglücklich, dass man ihr im Krankenhaus die Gebärmutter entfernen muss. Damit wird nun auch die Geschichte der Generationen mit ihr enden, sie wird keine Tochter haben, der sie von dem erzählen kann, was ihren Vorfahrinnen angetan wurde. Es bleibt unklar, ob dieser Sturz die Folge eines gewalttätigen Angriffes von Mutt auf Ursa, oder ob es einfach nur ein unglücklicher Zufall war.

Ursa trennt sich von ihrem Ehemann und zieht mit Tadpole, dem Besitzer des „Happy“ zusammen, der immer schon, wenn zunächst auch nur zurückhaltend, Ursa liebte. Die beiden heiraten, doch in der Folge von Ursas Verletzung verweigert sie sich den sexuellen Wünschen ihres neuen Ehemannes und wenn sie dann doch nachgibt, ist sie zu keinen Gefühlen fähig. Auch diese zweite Ehe endet.

Die Erinnerung:
Die direkte Linie der Erzählung, die mündlich von einer Generation zu nächsten weitergegeben wird, erinnert an die Art der Erzählungen, wie sie auch schon von den Vorfahren der Frauen, weit zurück in Afrika, gepflegt wurde. Eine Art von Erzählung, die sich wie ein unauslöschliches Grundwissen einprägt und nie verloren gehen kann, auch wenn nichts davon aufgeschrieben wurde. So wie ein kulturelles Gedächtnis entstand, aus dem sich über viele Generationen Mythen und Sagen entwickelten.

Wie Frauen die Gewalt der Männer zu ertragen hatten:
War es ein absichtlicher Stoß von Mutt oder nur ein unglücklicher Zufall, als Ursa die Treppe hinunterstürzte? Diese Frage bleibt zwar ungeklärt, aber es wäre auch nur einer von unzähligen Fällen von Gewalt an Frauen, den Frauen in Ursas Familie, wie auch an alles anderen Frauen der Welt.

Da sind die Männer, die immer wieder den Satz „ich will Dir nichts Böses“ in den Mund nehmen und sich am Ende doch nur aneignen wollen, worauf sie aus sind. Manche geben sich anfangs aufmerksam, liebevoll, doch bricht bei ihnen immer dann der Zorn aus, wenn das Verhältnis anders läuft als sie es sich aus der Sicht des Mannes erwarten.

Eine traditionelle Erzählung:
Gayl Jones schrieb ihren Roman in der Tradition der mündlichen Überlieferung von Geschichten. Eine Tradition, die weit in der Vergangenheit in Afrika entstand, die sich nach der Verschleppung der Afrikaner in die Sklaverei hielt und die im Blues eine Ausdrucksform fand, mit der bis heute Sehnsucht, Wehmut und Erinnerung in einer Form ausgedrückt werden, die die Macht hat, sich direkt in die Herzen und die Gedanken der Menschen einzunisten.

Mit dieser Tradition verbindet Gayl Jones zudem noch zwei Bewegungen, die heute unter den Hastags #BlackLivesMatter und #MeToo weltweit dafür stehen, dass Unrecht und Gewalt gegen Teile der Menschheit niemals akzeptiert werden dürfen, wenngleich sich beides aber scheinbar unverrückbar in viel zu weiten Kreisen der Bevölkerung in Form von Rassismus und Unterdrückung halten.

Insofern ist der Roman im Jahr 2022 natürlich genauso aktuell, wie er es 1975, dem Jahr seines Erscheinens war; wenn auch damals von Hashtags noch lange keine Rede war und sich Erzählungen wie diese noch weit langsamer verbreiteten, als sie es heutzutage können.

Bei Lesen von „Corregidora“, so meine Empfehlung, sollte man sich ganz auf den Rhythmus einlassen, den man im Ohr hat, wenn man an Blues denkt.

Vieles wird im Buch nur angedeutet, die kleinen Details gehen eben mit der mündlichen Weitergabe Stück für Stück in Vergessenheit, sodass am Ende etwas übrig bleibt, dass das wiedergibt, was die Nachfahren von Sklaven im Allgemeinen und Frauen im Speziellen wie ein Vermächtnis bewegt, wie ihre Herkunft ihr Leben beeinflusst, wie männliches Dominanzverhalten und Überheblichkeit scheinbar unvermeidlich zu Gewalt führen.

Ein unwiderstehlicher Roman, der auf allzu viele Details verzichtet, zugunsten des Gesamtbildes des Lebens einer Frau wie Ursa Corregidora; lässt man sich auf die Stimmung, die Melodie und das Tempo der Erzählung ein, dann wird man beginnen, manches von dem zu verstehen, was Menschen wie sie bewegt.




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