Colson Whitehead: Underground Railroad

verfasst am 15.09.2017 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Whitehead, Colson

Cora und Caesar sind auf der Flucht. Von der Randall-Farm in Georgia, auf der sie als Sklaven wie Vieh gehalten wurden und jederzeit der Willkür ihres Besitzers ausgeliefert waren, finden sie Zugang zur „Underground Railroad“. Jenem damals tatsächlich existierendem Netzwerk, das in den Jahrzehnten vor dem amerikanischen Bürgerkrieg zehntausenden Sklaven zur Flucht in den Norden verhalf.

Während die historische Vorlage aus Menschen, Verstecken und geheimen Pfaden bestand, macht Colson Whitehead daraus eine richtige Eisenbahn. Unterirdisch in Tunnels verlaufend mit Stationen, Fahrplänen, Lokomotiven und Lokführern. Cora und Caesar besteigen einen Zug von dem sie nicht wissen, wohin er sie bringen wird.

Der Roman ist in der Beschreibung der Grausamkeiten, denen die Sklaven ausgeliefert waren, unbarmherzig. Jedoch erscheinen mir diese Beschreibung über weite Strecken seltsam teilnahmslos in der Ausdrucksweise, oft simpel in der Sprache. Coras Schicksal auf der Flucht ist zwar geprägt von ungeheuerlichen Ereignissen und Eindrücken, doch werden diese nur in distanzierter Sachlichkeit, ohne atmosphärische Dichte beschrieben und bleiben deshalb merkwürdig fern. Dabei kann ich es nicht beurteilen, ob das schon im Original so ist oder erst durch die Übersetzung zustande kam.

Nicht ganz nachvollziehen kann ich die Darstellung der „Underground Railroad“ als richtige Eisenbahn. Der unterschiedliche Zustand von Zug und Stationen mag dabei so etwas wie eine Vorschau auf das sein, was die Flüchtenden am Zielort erwartet; und ja, eine wirkliche Bahn eignet sich natürlich auch weit besser als Ziel der Hoffnung als ein unklares Gebilde, das nur einen Namen hat.

Aber für mich hat diese Darstellung doch etwas von romantisierender Fantasy, macht die Wege der Flüchtenden beinahe zu einer Art von Walt Disney Animation und nimmt nach meinem Empfinden diesen Teilen des Romanes einen gehörigen Teil der dem Inhalt geschuldeten Ernsthaftigkeit. Denn in Wahrheit war die „Underground Railroad“ natürlich ein Weg über Land, dessen Benutzer sich durch ein feindseliges Territorium in steter Lebensgefahr bewegten.

Whitehead schreibt über Verrat, als jene Weißen, die den entlaufenen Sklaven halfen, denunziert und damit der Lynchjustiz der fanatisierten Massen überlassen wurden. Er schreibt über die allmächtigen Sklavenbesitzer, die mit ihren Sklaven verfahren konnten, wie sie es wollten. Er schreibt über das für Sklaven vorgezeichnete Leben, das von der Geburt bis zum Tod in der Hand der Weißen lag. Er schreibt über Hoffnungslosigkeit und Angst. Er schreibt darüber, dass Rassimus manchmal laut und brutal auftritt, manchmal leise und verschlagen. Er schreibt darüber, dass der Rassenhass, diese verlogene Ausflucht von Versagern aus ihrem eigenen Versagen, sich ausbreitet und verstärkt wie eine mittelalterliche Seuche. Er schreibt über vereinzelte Inseln der Menschlichkeit in einem Meer des Unmenschlichen; Inseln die Cora aber erst erreichen muss.

Es bleibt denkenden und fühlenden Menschen wohl für immer nicht begreifbar, wie das alles den Menschen, die man wie Vieh als Sklaven ins Land gebracht hatte, angetan werden konnte. Colson Whiteheads Schilderungen von Folter, Willkür und Mord lassen mich dabei zugleich entsetzt an das denken, was heutzutage – um nur ein Beispiel zu nennen – die Gangster des selbst ernannten „Islamischen Staates“ ihren Gefangenen antun (und es in den sozialen Medien posten). Die Empörung darüber ist (beinahe) ungeteilt über die ganze Erde – doch vergleichbare Verbrechen auch in unserer westlichen Welt liegen noch gar nicht so lange zurück; daran möchten viele aber nicht erinnert werden.

„Underground Railroad“ schafft damit eine direkt Verbindung zwischen den Verbrechen und der Verdorbenheit von Menschen von damals und von heute. Und mit „heute“ ist nicht ganz allgemein unsere Gegenwart sondern tatsächlich das Jahr 2017 gemeint, in dem in Charlottesville der Ku-Klux-Klan und Nazis ganz offen Rassenhass zeigen dürfen und in dem ein US-Präsident erst nach Aufforderung solches (und auch das nur halbherzig) verurteilt.

Sinngemäß beschreibt ein zentraler Satz in diesem Buch die Zeit der Sklaverei als die Herrschaft der Weißen mit Hilfe von „gestohlenen Menschen auf gestohlenem Land“. Als diese mit Betrug und Mord die Afrikaner und die Indianer zur selben Zeit ausbeuteten. 

Was von diesem Roman bleibt: die Bilder, die er im Kopf erzeugt – sie sind grausam.

PS: Colson Whitehead erhielt für diesen Roman den Pulitzer Preis 2017 für Belletristik.


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