Antonio Scurati: M. Das Ende und der Anfang
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Buchbesprechung verfasst von: Andreas
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Der grandiose Abschluss der grandiosen Buchreihe über Aufstieg und Fall von Benito Mussolini.
Buch 5 beginnt mit Mussolini Sturz. Was für eine Schmach, als er von seinen ehemaligen Gefolgsleuten verhaften wird. Ohne die Hilfe der Deutschen wäre er im Gefängnis verrottet oder hätte er irgendwo in einem Asyl seine letzten Tage in Bedeutungslosigkeit verbracht. Hitler aber braucht ihn für seinen Krieg in Italien, einen Statthalter; so tief ist der Erfinder des Faschismus gefallen. Die direkte Konsequenz für den „Duce“ ist, dass er nun auch für alle sichtbar nicht mehr als eine machtlose Marionette von Hitler ist.
Der Faschismus ist am Ende, die viele von Mussolinis ehemaligen Getreuen haben die Seite gewechselt oder sind geflohen. Der verbliebene menschliche Abschaum soll, so will es Hitler, mit Mussolini einen neuen faschistischen Staat begründen. Mussolini soll für Ordnung sorgen, während Wehrmacht und SS das Land besetzen.
Der Krieg ist mit dem Jahr 1943 endgültig auf die Apennin Halbinsel zurückgekehrt von wo aus Mussolini ihn in seinem Größenwahn in die Welt hinaus trug. Statt über einem von ihm ausgerufenen wiedererstandenen römischen Imperium zu herrschen, sitzt er jetzt von Hitlers Gnaden weit weg vom Geschehen in einer Villa am Gardasee, während die Alliierten unaufhaltsam nach Norden vorrücken. Jetzt ist er nur mehr kleiner, unbedeutender, kranker Mann, der gänzlich vom Wohlwollen des „Führers“ abhängig ist. Oder er war es schon lange davor, hatte es nur nicht erkannt.
Obwohl wir von dem, was hier zu lesen ist, wissen, wie es endet, ist es dennoch voller Spannung. Indem Scurati das Geschehen oft aus der direkten Perspektive der Beteiligten schildert, versteht man – wenigstens zum Teil – was geschah, wie es geschah und manchmal auch das Warum. Wobei es insgesamt wohl kaum möglich ist, Begründungen für die Taten, die Morde, die Gewalt zu finden, die von Mussolini und seinen Schläger ausging. Was im Geschichtsunterricht fehlt oder vielleicht auch aus Zeitmangel übergangen wird, alle Details über die Hintergründe und die Beweggründe, das macht Scurati zu einem rasenden Trip durch eine Zeit voller Brutalität, Fanatismus und Rache.
Denn Mussolinis Entmachtung ist zugleich auch der Beginn des Terrors der Deutsche, die jetzt ungehindert verschleppen und morden können und der Beginn des Mordens von Italienern an Italienern. Alles noch über das schon während Mussolinis Herrschaftszeit erschreckende Maß hinaus. Wenn es schon keine Chance gibt, die Alliierten bei ihrem Vormarsch nach Norden aufzuhalten, dann töten die Faschisten in wilder Raserei eben bei jeder Gelegenheit die eigenen Landsleute. Ob sie es aus eigene Antrieb tun, oder auf Befehl der Deutschen ist unerheblich, wichtig ist ihnen nur, dass gefoltert und gemordet werden kann.
Mussolini ist nominell zwar der Anführer dieses kaum so zu nennenden Staates, aber er ist nicht der, der entscheidet. Er ergibt sich endlosem Selbstmitleid, während andere wüten und völlig unbeeindruckt von der Realität weiterhin vom faschistischen Staat träumen.
Bei Scurati ist Mussolini immer ein Clown, der es alleine durch seine Fähigkeit, die Massen mit Worten anzutreiben, in eine Position gelangte, ein ganzes Land zu verführen.
Wie Scurati aus den vorhandenen historischen Dokumenten mitreißende und bewegende Szenen entwickelt, beeindruckt. So etwas kann nur gelingen, wenn man sich ganz tief in die Materie hineindenkt und hineinfühlt. Um dann etwas zu Papier zu bringen, das sich so liest, als wäre der Autor dabei gewesen.
Das zeichnet alle fünf Bände der Reihe aus, das Ergebnis von Scuratis Arbeit ist überwältigend, nach meinem Eindruck die wohl beste historische in Romanform gebrachte Dokumentation, der letzten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte.
Einerseits ist die Buchreihe ein unvergleichliches Zeugnis der Zeit des faschistischen Italiens, andererseits hat sie natürlich auch einen Bezug zu unserer Gegenwart.
Wie der Faschismus weiterlebt
Die Entwicklung des Faschismus in Italien ist so etwas wie der Prototyp aller autoritären Machtergreifungen. Hitler nahm sich den „Duce“ zum Vorbild. Heute sind es Leute wie Putin oder Trump die ein Herrschaftssystem dem System der Propaganda und der Wahrheitsverdrehung aufbauen wollen bzw. aufgebaut haben. Lügen, Drohungen, die Staatsmacht gegen Gegner einzusetzen, das hat sein Ursprung im System Mussolini. Andere haben es heute adaptiert und auch dank unserer technischen Möglichkeiten perfektioniert, einige sind untergegangen, andere werden noch untergehen.
Das System Mussolini, das System Faschismus ist gekommen um zu bleiben. Die Methoden, auf denen dieses System aufbaut, sind inzwischen Normalität man könnte beinahe von einem Alltagsfaschismus sprechen, an den sich die Menschen es 21. Jahrhunderts so sehr gewöhnt haben, dass sie ihn gar nicht mehr als solchen wahrnehmen.
Dass Demagogen und Demokratiezerstörer wie Mussolini früher oder später immer ein Blutbad hinterlassen, weil Gewalt und Mord für sie ganz normale Mittel zu Machterhaltung sind, lässt die Menschen den wahren Geist erst erkenne, wenn es (beinahe) schon zu spät ist.
In Ungar hat es 16 Jahre gedauert, einen solchen Demokratiezerstörer loszuwerden, in Deutschland, Österreich werden die geistigen Erben Mussolinis zu einem großen Teil von Leuten gewählt, die sich nichts dabei denken, Gegner der Demokratie in führende Positionen zu hieven. Weil sie glauben, dass ihnen selbst ja nichts geschehen wird, weil die ja nur gegen die anderen vorgehen.
Wie in Scuratis Büchern nachzulesen ist (und natürlich auch in allen anderen Bücher über Faschismus und Nationalsozialismus) kennen die Demokratiezerstörer keine Grenzen – irgendwann kann jeder und jede zum Feind werden, denn es geht den Demokratiezerstörer nur um Macht und Bereicherung und um sich selbst.
PS: Wer die Buchreihe M liest, sollte auch unbedingt Scuratis als Buchausgabe vorliegende Rede aus dem Jahr 2022 „Mussolini oggi“ lesen. Darin beschreibt er eindrücklich die Bezüge zur Gegenwart.