Buchbesprechung/Rezension:

Eva-Maria Schnurr, Frank Patalong (Hrsg.): Deutschland, deine Kolonien
Geschichte und Gegenwart einer verdrängten Zeit


verfasst am 19.05.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Geschichte
LiteraturBlog Bewertung:

Die „offizielle“ Kolonialzeit Deutschlands wird zwar mit dem Zeitraum 1884 – 1919 angegeben, doch in Kolonialismus und Sklavenhandeln waren deutsche Staaten und Handelsunternehmen weitaus länger involviert, als weitläufig bekannt ist.

Als die typischen Kolonialstaaten werden England, Frankreich, Spanien, Portugal, Italien, die Niederlande und Belgien gesehen. Diese teilten sich den Erdball weitgehend untereinander auf. Nach Gründung des Deutschen Kaiserreiches im Jahr 1871 sollte dieser neue Staat endlich auch in diesen Kreis aufgenommen werden.

Die Europäer teilen einen Kontinent unter sich auf

In Folge der Kongokonferenz im Jahr 1884 erwarb Deutschland Gebiete um die heutigen Staaten Togo, Kamerun, Tansania und Namibia in Afrika und außerdem Teile Neu-Guineas und Polynesiens. Die europäischen Staaten hatten bei der Konferenz, die auf Einlandung Bismarcks in Berlin stattfand, den afrikanischen Kontinent unter sich aufgeteilt. Eine Konferenz, deren Folgen auch heute noch spürbar sind, wurden auf den Ergebnissen basierend auch später noch Grenzen mutwillig festgelegt, an deren Verlauf sich später die Grenzen der unabhängig gewordenen Staaten hielten. Die Quelle vieler blutiger Auseinandersetzungen bis in unsere Gegenwart.

Außerdem hielt das Kaiserreich auch zwei Enklaven in China. Diese erlangten zweifelhaften Ruhm, als Wilhelm II, nachdem es dort zu gewaltsamen Widerstand gegen die Besatzer gekommen war, seine Expeditionsarmee mit der berüchtigten „Hunnenrede“ verabschiedete.

Deutschland wird Kolonialmacht

Erst in den letzten Jahrzehnten wurden die knapp 35 Jahre als Kolonialmacht aufgearbeitet, was endlich die wirklichen Vorgänge in den besetzen Ländern bekannt machte, neigte man in Deutschland doch zu einer Verklärung der eigenen Rolle: die bösen Besatzer, das waren immer nur die anderen.

Keineswegs aber waren die deutschen Besatzer auch nur geringfügig humaner als andere, im Gegenteil fanden in den afrikanischen Staaten gewissermaßen die Vorläufer der später in der Nazizeit auf die Spitze getriebenen Brutalitäten und Gräueltaten statt.

Die „guten“ Kolonialherren?

Es mag an der alles überschattenden Nazi-Zeit liegen, dass man sich kaum mit der eigenen Vergangenheit in Bezug auf den Kolonialismus auseinandersetzte. HistorikerInnen werden sich damit noch lange beschäftigen und die Menge der Publikationen und Dokumentationen nicht stetig zu. Über die Kolonialzeit wird dem gegenüber kaum etwas veröffentlicht.

Dabei brachte es der relativ späte Beginn der Kolonisierungen mit sich, dass gerade die Vorgänge in den deutschen Kolonien umfassend dokumentiert wurden (Die Kolonien der anderen europäischen Länder entstanden über längere Zeiträume und weniger zielgerichtet).

Es gibt also ausreichend Quellen darüber, wie die deutschen Besatzer vorgingen, welche Mittel sie anwendeten, um die Gebiete zu dominieren, was das für Auswirkungen auf die dort bestehende Gemeinwesen und auf die einzelnen Menschen hatte. Das ist nicht nur aus Berichten überliefert, die von den Kolonialbehörden verfasst wurden, sondern auch aus den Erinnerungen und Berichten der einheimischen Bevölkerung.

Beispielhaft dafür ist der Bericht über den letztendlich erfolglosen Widerstand von Heinrich Witbooi, einem Anführer des Volkes der Nama in Südwestafrika. In diesem und in anderen Berichten liest man von Vertreibung, Genozid, gewaltsamer Umerziehung und Sklavenarbeit.

Es ist somit nicht verwunderlich, dass die Nazis später einiges vom Gedankengut der Kolonisten übernahmen. Denn der Wahn von der Überlegenheit der Weißen, der auch mit angeblich wissenschaftlichen Methoden bewiesen werden sollte, entstand eben nicht erst mit Hitler, sondern war schon lange im Denken der Menschen verankert.

Besonders infam und verlogen das Wirken der Missionare, die vordergründig die Gleichheit predigten, tatsächlich aber versuchten, mit ihren Lehren den Rassismus zu rechtfertigen.

Die Zeit Deutschlands als Kolonialmacht endete mit dem Ende des 1. Weltkrieges. Was jedoch nicht endete, das war der auch in der Weimarer Republik vorhandene, parteiübergreifende Wunsch, wieder Kolonien zu besitzen.

Unterschiedliche Blickwinkel, viele Einblicke

Das Buch umfasst 26 Beiträge verschiedener Autorinnen und Autoren, dazu die Erklärungen zu vielen Begriffen, Daten und Fakten über die betroffenen Länder und eine Zeittafel – Insgesamt also ein großer Überblick über die von Deutschland ausgehende Kolonisierung und Versklavung.

Keine vollständige, chronologische Bestandsaufnahme der Kolonisierungen, sondern die Betrachtung einzelner Aspekte und Details, Vorgänge und vor allem Schicksale. Die Beiträge (Artikel, Interviews, Aufsätzen) liefern ein realistisches Bild dessen, was geschah und welche Konsequenzen es für die Bevölkerung hatte.

Was also „Deutschland, deine Kolonien“ von reinen Geschichtsbüchern unterscheidet, das sind die persönlichen Sichtweisen, wenn neben HistorikerInnen und JournalistInnen auch die betroffenen Menschen zu Wort kommen. Der Umstand, dass jeder Beitrag eine andere VerfasserIn hat, bringt es außerdem mit sich, dass die Themen aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden, was das Gesamtbild noch weiter verdichtet.

Andere europäische Staaten begingen ebensolche, wenn nicht noch größere Verbrechen, denn sie hatten dafür auch weitaus länger Zeit. Europäer zeigten sich über Jahrhunderte hinweg auf den anderen Kontinenten als brutale Eroberer, immer in der Vorstellung, als weiße Menschen überlegen zu sein. Deutsche Kolonisten, so das Fazit, waren in dieser Beziehung nicht besser oder schlechter als andere, sie waren genauso in der eigenen Überheblichkeit und Menschenverachtung gefangen, wie die Kolonisten der anderen Länder.

Sie waren keinesfalls die „menschlicheren Besatzer“, so wie man es lange Zeit allzu gerne glauben wollte.

PS – was ich nicht wusste: unter Maria Theresia gab es 1777-1785 auch österreichische Kolonien, bzw. den Versuch, solche zu errichten




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