Alex Beer: Der dunkle Bote
Ein Fall für August Emmerich - Band 3

verfasst am 12.06.2019 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Beer, Alex, Kriminalromane

Wien ist der Schauplatz dieses dritten Krimis mit August Emmerich. Ein Wien, das jene, die die Stadt heute kennen oder hier wohnen, wohl kaum wieder erkennen würden. Denn zu Beginn der 1920er-Jahre gab es zwar meistens die selben Namen für Straßen und Plätze, aber es sah dort ganz anders aus als heute, das Verhalten der Menschen und die Atmosphäre der Stadt schienen nichts als den kommenden Untergang anzukündigen.

In diesem Wien des Jahres 1920 ist auch Kriminalinspektor August Emmerich eines der vielen Opfer des großen Krieges, dessen Nachwirkungen auf allem lasten. Sein Körper ist beschädigt und seine Seele ist zerrüttet. Emmerich aber hat sich entschieden, auf der Seite des Gesetzes und der Menschlichkeit zu bleiben; anders als die meisten, mit denen er es bei seiner Arbeit zu tun bekommt.

Kein leichtes Leben haben Emmerich und sein Assistent Winter in dieser Zeit und keine leichte Aufgabe, wenn sie ein Verbrechen klären wollen. Denn in der allgegenwärtigen Armut und dem Elend der Menschen kann das Verbrechen bestens gedeihen und die Gewalt siegt fast immer über die Moral.

Es ist grauenvoll zugerichteter Toter, der für Emmerich und Winter der Auftakt zu einem undurchsichtigen Geschehen ist. Es folgen ein Bekennerschreiben, der Diebstahl eines Dokumentes aus der Gerichtsmedizin, eine vergebliche Verfolgungsjagd, die Emmerich ein paar Schrammen beschert und wenig tauchte eine Trophäe auf, die der Mörder seinem Opfer abgenommen hat.

Zu alledem steht Emmerich auch vor seinem größten persönlichen Problem. Louise, seine Lebensgefährtin, wurde von ihrem unerwartet aus Russland zurück gekehrten Ehemann Xaver Koch entführt. Die Kriegsgefangenschaft hatte aus dem davor unscheinbaren Handwerker einen brutalen und unberechenbaren Gangster gemacht; Emmerich muss Louise und ihre Kinder finden, denn sonst, das weiß er mit Sicherheit, droht denen undenkbares Leid.

Als Leser/in begleiten wir Emmerich, der, hin und her gerissen zwischen dem Mordfall und der Suche nach Louise, immer tiefer in die Unterwelt Wiens eintaucht, durch die Straßen, die Lokalitäten der Stadt, zu den Treffpunkten der Verbrecherbanden, die auf dem Sprung sind, ganz Wien unter ihren Einfluß zu bringen; hinein in die unvorstellbare Armut, die so unglaublich viele Menschen dazu zwingt Dinge zu tun, die wir uns in unserer heutigen Welt des Wohlstandes und der sozialen Netze kaum vorstellen können.

Alex Beer zeichnet, ebenso wie schon in den ersten beiden Romanen mit August Emmerich, wieder ein Bild jener Zeit, das es unglaublich gut vermag, uns etwas von damals zu vermitteln (und das war das genaue Gegenteil der guten alten Zeit).

Die Verlorenheit, als kleiner Rest eines ehemaligen Weltreiches übrig geblieben zu sein; der an vielen Ecken aufflammende Antisemitismus, der den Juden die Schuld am verlorenen Krieg zuschiebt; die Verbrecherbanden, gegen die die Polizei viel zu wenig einsetzen kann; die allgegenwärtige Korruption. Schon wenige Monate nach ihrer Gründung schien die Republik zugrunde zu gehen.

Hineinversetzt in diese Welt ist es ein spannender Krimi, in dem Alex Beer eine sehr überzeugende Charakterisierung des Kriminalinspektors August Emmerich gelingt. Der (beinahe) einsame Kämpfer für Gerechtigkeit zeigt Mitgefühl und ist zugleich auch immer wieder in Gefahr, im Kampf gegen die dunklen Seiten zu unterliegen. Dabei vermeidet Alex Beer aber sehr bewusst jede Heroisierung ihres Hauptdarstellers; alles bleibt möglich, alles könnte genauso ablaufen, wie es in diesem Krimi zu lesen ist.

So wie die ersten beiden Bücher ist auch „Der dunkle Bote“ wieder unbedingt empfehlenswert.

Denn nicht oft bekommt man Spannung und zugleich beinahe historisch zu nennende Reportagen von damals in einem einzigen Roman zu lesen.

Nominiert für den Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur 2019



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