Buchbesprechung/Rezension:

Curtis Sittenfeld: Hillary


verfasst am 26.04.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Sittenfeld, Curtis
LiteraturBlog Bewertung:

Dass man keine Biografie liest, wird spätestens nach dem ersten Abschnitt des Romans klar. Denn Hillary Rodham und Bill Clinton gehen nach ein paar stürmischen Jahren getrennte Wege.

Was für beide von Anfang an die Liebe des Lebens zu sein schien, scheitert an Bills unzähmbarer Sex-Bessenheit. Vieles ist Hillary bereit, ihrer Liebe zu opfern, aber als Gerüchte aufkommen, dass Bill eine Frau vergewaltigt habe, zieht Hillary die Reißleine und verlässt Bill und Arkansas um im Norden des Landes als Anwältin tätig zu werden.

Dieser erste Abschnitt spielt in den 1970er-Jahren, Hillary und Bill sind in ihren 20ern. Was von dem hier zu Lesenden der Wahrheit nahe kommt, das lässt sich nicht feststellen; es ist jedoch in jedem Fall der Bill Clinton, wie wir ihn kennen: charismatisch, eloquent, überzeugend – und untreu, schamlos in seinem Umgang mit Frauen.

Die Hillary Rodham im Buch findet sich im Gegensatz zur wirklichen Hillary Clinton nicht damit ab. Mit der Trennung und dem Bekanntwerden seiner Affären scheitert auch der erste Versuch Bills, Präsident zu werden. Er wird Gouverneur von Arkansas und dann Internetunternehmer. Hillary indessen zieht schon zu Beginn der 1990er in den Senat ein und unternimmt mehrere Anläufe, Präsidentschaftskandidatin der Demokraten zu werden.

Die politische Landschaft in den USA bis zum Jahr 2008 ist im Roman ganz anders als wie sie kennen: Bush sen. wird 1992 wieder wiedergewählt, Bush jr. überhaupt nicht und John McCain ist für 2 Amtszeiten Präsident. Nur bei den Vorwahlen zum Präsidentschaftswahlkampf 2008, dem Duell zwischen Barack Obama und Hillary, finden Fiktion und Wirklichkeit ein wenig näher zueinander.

Auch wenn man hier einen fiktiven Lebenslauf liest, so sind darin doch viele reale Fakten verarbeitet. Wie unterschiedlich Männer und Frauen gesehen und bewertet werden, wenn sie ein politisches Amt anstreben; was bei Männern als Individualität angesehen wird, wird bei Frauen oft als Verschrobenheit abgetan; Unmoral verzeiht man einem Mann oft, einer Frau praktisch nie. Zu lesen ist auch über die Willkür in den Berichterstattungen, wenn einzelne Sätze aus einem Zusammenhang gerissen werden, über die Lust der Amerikaner, im Privaten der Kandidaten Leichen im Keller zu graben, über das US-Wahlsystem, das demjenigen die größten Chancen bietet, der die größten Spenden einsammelt.

Wenn Curtis Sittenfeld „ihre“ Hillary auf Reporterfragen antworten lässt, dann ist es meistens amüsant (und erhellend zugleich), diese oft typischen einstudierten, ausweichenden und nichtssagenden Politiksprech-Antworten zu lesen. Manchmal aber sind es auch gescheite, mitfühlende, spontane Antworten – wobei dann immer die Gefahr besteht, dass die Kandidatin mit zu viel Ehrlichkeit eine Angriffsfläche für die Mitbewerberinnen bietet; also ganz wie im wirklichen Leben.

Der erste Abschnitt des Romanes zieht sich für meinen Geschmack unnötig in die Länge, wieder und wieder liest man ähnliches aus unterschiedlichen Perspektiven: wie Hillary und Bill zueinander finden, wie sie beide daran glauben, für immer zusammenzubleiben, wie offensichtlich wird, dass Bill seine Triebe nicht unter Kontrolle hat und dass die beiden zu unterschiedliche Vorstellungen von Moral und Vertrauen haben.

Das ändert sich ganz schlagartig mit dem zweiten Abschnitt, als endgültig klar ist, dass man ab nun eine fiktive Biografie liest. Was wäre, wenn Hillary ihren Weg alleine gegangen wäre, wie wäre es mit Bill ohne Hillary weitergegangen. Nun ist es eine abwechslungsreiche Geschichte, in der Hillary ganz auf sich alleine gestellt zeigen kann, wofür sie steht. Kein alles überstrahlender Bill steht ihr und ihren Ambitionen im Weg und jetzt endlich kann Hillary Rodham alles das an Trümpfen ausspielen, was sie in der wirklichen Welt zugunsten des Ehemannes aufgegeben hat.

Im Jahr 2015 ist es soweit: Hillary und Bill treten in den Vorwahlen gegeneinander an.

An Ende sind dies die spannenden Fragen: folgt dem ersten US-Präsidenten mit afrikanischen Wurzeln die erste Frau als Präsidentin nach? Was hat Donald Trump mit alledem zu tun?

Alles zusammen: Beste Leseunterhaltung mit unübersehbaren Verweisen auf die vielen Irrwege, die Politik und Gesellschaft im 21. Jahrhundert eingeschlagen haben. Nach etwas schleppendem Beginn, entwickelt sich der Roman zu einer temporeichen, überraschenden, manchmal ernsten und manchmal sehr amüsanten Erzählung.




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