Martín Caparrós: Väterland

verfasst am 22.04.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Caparrós, Martín, Romane

Raquel Gleizer ist eine Frau, die auf den ersten Blick vielleicht sogar dem Musical „Cararet“ entsprungen sein könnte. Sehr attraktiv, trägt die Haare glatt gegeelt und gerne Herrenanzüge. Nur, dass sie nicht im Berlin der 1920er sondern im Buenos Aires der 1930er lebt. Von ihr weiß man wenig, auch Andrés Rivarola wüsste nicht mehr von ihr zu erzähen, als sie selbst preisgeben möchte.

So oft die beiden einander in den vergangen Jahren gesehen hatten, so oft hatte es Andrés im Sinn, ihr näher zu kommen und genauso oft erschöpften sich ihre Begegnungen in belanglosen Unterhaltungen. An mehr war Raquel nicht interessiert – oder hatte sie seine Annäherungsversuche überhaupt gar nicht bemerkt?

Und jetzt hgeschieht das: Andrés soll für den Fußballstar Bernabé Ferreyra heraus finden, warum der von Maria de las Mecedes Olavieta nichts mehr hört, keine Nachricht von ihr, keine Antwort. Nichts. Wie Andrés zu Bernabé gekommen ist, das ist schon eine längere Geschichte, in der Andrés sich mehreren Leuten gegenüber verpflichtet hat, ihnen ein Gefallen zu tun. Jetzt aber scheint es kein Weiter zu geben. Denn wie Raquel ihn aufklärt, ist Maria seit zwei Tagen tot; es stand ja überdies in allen Zeitungen.

In einem Land, das gerade eine Militärdiktatur erlebt, ist das Recht eine oftmals beliebige Angelegenheit, die Polizei dient weniger der Gerechtigkeit, als den Interessen einflußreicher Leute. So läuft es auch in diesem Fall: der Vater des Mordopfers brüllt etwas von linken Anarchisten und damit geht es nur mehr darum, einen passenden Täter zu finden – egal ob schuldig oder nicht.

Deshalb sind Andrés und Raquel auf ihrer eigenen Suche nach der Wahrheit über den Tod von Maria. Raquel, weil sie ihre Freudin war und Andrés, weil er muss – er hat sich mit dem Falschen eingelassen: damit er heil aus der Sache heraus kommt, muss er dem Schlachthofbesitzer, ehemaligen Gangsterboss und nunmehrigen Präsidenten des Fußballklubs River Plate einen Gefallen tun und Bernabé dazu bringen, bei River Plate einen Vertrag zu unterschrieben.

Ein Blick auf die Tristesse und Armut des Großteils der Menschen in Buenos Aires, ein Blick auf die Korruption der Polizei, ein Blick hinter die Kulissen der Sensationspresse, in der die Auflage vor der Wahrheit steht. Und draussen in der Welt, im fernen Europa, steigen Mussolini und Hitler gerade zu den Helden der Faschisten der ganzen Welt empor. Auch Argentinien ist ein ausgezeichneter Nährboden für solche Ideologien.

Vor diesen Hintergrund ist Martín Caparrós‘ Story angesiedelt. Zwei Menschen, Andrés und Raquel, setzen alles daran, gegen den Widerstand des Staatsapparates die Wahrheit zu finden. Das Spiel, auf das sich die beiden einlassen, heißt Gerechtigkeit oder Untergang; Andrés und Raquel haben kaum Chancen auf Erfolg, denn in dem Land, in dem sie leben, sind die Wahrheit und die Gerechtigkeit nicht wichtig.

Beim Lesen habe ich den Eindruck, dass sich Martín Caparrós nicht so recht entscheiden konnte, welchen Roman er schreiben wollte: den über Argentinien in den 1930ern oder den über den ziellos durch sein Leben streifenden Andrés. Das führt für mich dazu, dass keines dieser beiden Themen so richtig zu Ende geschrieben wurde … aber es steht zum Schluß ja auch „Fortsetzung folgt“.



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