Buchbesprechung/Rezension:

Matthias Lohre: Der kühnste Plan seit Menschengedenken


verfasst am 21.08.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Historischer Roman, Lohre, Matthias
LiteraturBlog Bewertung:

Ein in der breiten Öffentlichkeit wenig bekanntes Projekt, das, wäre es zur Ausführung gekommen, das größte Unternehmen geworden wäre, das die Menschheit jemals in Angriff genommen hätte. Es begann in den 1920er-Jahren als eine Idee des Architekten Herman Sörgel und trug den Namen „Atlantropa“ – alleine das klingt schon wie eine Mischung aus Science Fiction und Fantasy.

Sörgel wollte die Straße von Gibraltar mit einem gigantischen Damm zwischen Europa und Afrika absperren. Wenn vom Atlantik kein Wasser ins Mittelmeer nach strömt, dann würde das Mittelmeer austrocknen und neuer Lebensraum für Menschen entstehen. Ein Vorhaben wahrhaft biblischen Ausmaßes, ist doch eine der Annahmen für den realen Hintergrund der Sintflut das Brechen der Landbrücke am Bosporus vor rund 7.500 Jahren, in dessen Folge sich das tieferliegende Becken des Schwarzen Meeres vollständig füllte (und auch das Mittelmeer wie wir es heute kennen ist, nur viel weiter zurückliegend, auf ähnliche Weise entstanden).

Der Roman beginnt mit dem Ende: im Jahr 1952 starb Sörgel bei einem Verkehrsunfall, über dessen Hergang nur spekuliert werden kann, weil es keine Zeugen dafür gibt. Sicher ist nur, dass Herman Sörgel starb, als er wie so oft in seinem Leben auf dem Weg war, Unterstützer und Förderer für sein Projekt zu finden.

Es folgt der Rückblick auf das Leben Sörgels, mehr als 25 Jahre des Werbens und Planens für sein Projekt; eine Romanbiografie, die die bekannten Fakten mit fiktiven „Spielszenen“ verbindet.

Als Architekt hatte Sörgel bislang nur wenig bedeutende Projekte verwirklicht, seine Arbeit war die Herausgabe einer Architekturzeitschrift. Es war in der Mitte der 1920er-Jahr als sein Leben eine Wendung nimmt: zunächst lernt er Irene kennen, seine spätere Gefährtin und dann verfällt er auf den Gedanken, das Mittelmeer als Lebensraum für die Menschheit zu gewinnen. Als er zur selben Zeit seine Anstellung bei der Zeitschrift verliert, wird Atlantropa zum Hauptinhalt seines Lebens.

Eine Perspektive für einen ganzen Kontinent

Das nach dem 1. Weltkrieg zerrüttete, weiträumig zerstörte, dicht bevölkerte Europa ist für Sörgel ein Kontinent ohne Frieden, ohne Zukunft, der sich gegen die anderen Weltgegenden nicht behaupten können wird. Diese Einsicht ist der Ausgangspunkt für die Entwicklung des Projektes Atlantropa, das Europa und Afrika zu einem neuen Ganzen zusammenführen sollte. Seine Idee ist zugleich visionär und utopisch, denkt er doch an eine Europäische Föderation, an eine saubere Umwelt, an ein friedliches Miteinander ohne Enge, ohne Konflikte. Ein wesentliches Element ist dabei die Gewinnung von Land, von mehr Platz für die vielen Menschen. Es gibt so etwas bereits und darauf stützt er seine eigene Vision: in den Niederlanden wird Land aus dem Meer gewonnen – Herman Sörgel denkt, ausgehend davon, größer … viel größer.

Wer immer im Deutschland ab den späten 1920er-Jahren etwas erreichen will oder sich um die Verwirklichung eines Projekts bemüht muß unweigerlich mit den Nationalsozialisten zusammen treffen; nichts geht mehr ohne die Nazis. Sörgels Lebensgefährtin ist Jüdin, die beiden sehen sich somit dem auch immer offeneren Antisemitismus konfrontiert. Zur selben Zeit entwickelt Sörgel sein Projekt und findet damit Aufmerksamkeit dies und jenseits des Atlantiks.

Die Erzählung packt ihre Leserinnen und lässt sie mit spekulieren, Sörgels Enthusiasmus wird dann schon fast greifbar, mündet später in eine Obsession. Obwohl nichts von seinen Ideen verwirklicht wurde, ist das Buch dennoch spannend zu lesen – nicht im Hinblick auf die Frage der Realisierung, sondern wegen der damals ausgetragenen Diskussionen über ein Für und Wider, wegen der Fortschritte und Rückschläge.

Vergebliche Anstrengungen

Auch wenn Sörgel auf Fragen, ob er denn an eine Umsetzung glaube, im Buch immer mit dem Satz „Es ist kein Traum. Es ist ein Plan“ antwortet, so ist das anfängliche Interesse an seiner Idee wohl eher der Sensationslust der Medien und der professionellen Neugier seiner Berufskollegen geschuldet. Sörgel bleibt zeitlebens in seiner Vorstellung gefangen, dieses in Wahrheit völlig unrealistische Projekt doch verwirklichen  zu können – er reist von Präsentation zu Präsentation, hält Vorträge, sucht Geldgeber und Unterstützer. Zur für sich alleine schon kaum zu bewältigenden Aufgabe, den Damm politisch durchzusetzen kommt noch die Weltwirtschaftskrise am Ende der 1920er-Jahre, die es schwierig bis unmöglich macht, die Finanzierung zustande zu bringen. Und auch das von Sörgel ebenfalls in den Vordergrund geschobene Argument vom Ende der Kriege in Europa findet in den Jahren zwischen den Weltkriegen wenig Gehör.

Mit der Machtübernahme durch die Nazis änderte sich nicht nur die politische Lage, sondern die bedeutet für Sörgel auch direkte und persönliche Gefahr, da eine Frau Irene Jüdin ist. Doch Sörgel gibt nicht auf, passt seine Darstellung des Projektes, jedenfalls nach außen, an die Ideologie der neuen Machthaber an.

Am Ende erlebt Herman Sörgel eines von vielen Schicksalen, in denen Menschen ihren Träumen nachlaufen, ohne sie jemals realisieren zu können. Nur seine Idee, die schiere Dimension dieser Idee, hebt ihn über den Durchschnitt hinaus.

Warum sie aber auch abseits aller wirtschaftlichen und technische Probleme scheitern musste, das ist der Umstand (neben vielen anderen Gründen), dass Sörgel seinen Plan immer nur von der „akademischen“ Seite aus betrachtete, aber niemals die betroffenen Menschen mit einbezog oder sie auch nur fragte, was sie davon hielten.

Aber wer weiß: hätten sich die Weltwirtschaft und die Weltgeschichte in den 1930er- und 1940er-Jahren anders entwickelt, vielleicht gäbe es Atlantropa? So blieb es an China, Jahrzehnte später den bislang größten Staudamm und das größte Wasserkraftwerk der Welt zu bauen: den Dreischluchtendamm, der mit rund 2,3 Kilometer Länge aber noch immer weniger als 10 % der Dimension des Gibraltar-Damms erreicht.

Alles zusammen – die Vorstellung von der Größe des Projektes, die Begeisterung Sörgels, als er zu Beginn oft auf Zustimmung stieß, beginnende Zweifel, als Geldgeber und Unterstützer sukzessive absprangen und dann die Chronologie des Scheiterns ihres Erfinders – hat Matthias Lohre in dieser Romanbiografie ganz großartig beschrieben.

Weil die Geschichte des Projektes und seines Erfinders ist nicht komplett ist, wenn man dazu nicht die allgemeine politische und wirtschaftliche Lage Deutschlands in Europas miteinbezieht, gibt Lohre diesen Aspekten in seinem Roman breiten Raum – von den letzten Tagen der Weimarer Republik über den Terror der Naziherrschaft bis zur Besatzungszeit nach dem Ende des 2. Weltkrieges.

Und dazu bleibt immer wieder die Verblüffung, wenn man weiß, dass alles das keine Fiktion ist, sondern tatsächlich stattgefunden hat: Ein Vorhaben, wie direkt aus einem Roman von Jules Verne entsprungen.




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