Martin Horváth: Mein Name ist Judith

verfasst am 25.03.2019 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Horváth, Martin, Romane

Ein Buch, aus vielen Erzählungen zusammen gesetzt. Erzählungen, von denen man oft nicht weiß, ob sie real oder nur geträumt sind. Manche sind wie zusammenhanglos in andere eingebettet, manche erzählen eine fortlaufende Geschichte.

Das Haus steht nahe dem Zentrum Wiens. Die Familie Klein wohnt hier, im Erdgeschoß betreiben die Eltern eine Buchhandlung. Dann kommt 1938, der „Anschluss“. Als wenig später die Fensterscheiben zerbrechen, die jüdischen Geschäfte beschmiert werden, die Synagogen brennen und langjährige Nachbarn ungeniert auf „Die Juden“ zu schimpfen beginnen, wissen die Kleins, dass es Zeit ist, das Land zu verlassen. So wie tausende andere Juden auch.

Die jüngste, Judith, wird in die Niederlande geschickt, wo sich ein paar Jahre später ihre Spur im Bombenhagel der Deutschen Bomber über Rotterdam verliert. Die Eltern, die beiden anderen Geschwister, die Großeltern – sie werden in alle Himmelrichtungen verstreut, sie sterben in den Lagern der Nazis, sie erreichen Israel, sie finden Aufnahme in den Vereinigten Staaten.

Viele Jahre später wohnt der Schriftsteller León Kortner in der ehemaligen Wohnung der Kleins. Er erfährt von der Geschichte der Familie, folgt ihren Spuren und reist bis in die USA, um dort die noch Lebenden und deren Familien zu treffen. Er tritt nicht nur die Kleins, er trifft auch die erste große Liebe seines Lebens.

Katastrophen

Wieder Jahre später, schon lange zurück in Wien. León ist glücklich verheiratet, er und seine Frau Lydia lieben die gemeinsame Tochter Hanna über alles.

Als Folge der Katastrophe, die unvermittelt über León hereinbricht, zieht er sich immer mehr in sich selbst zurück; nachdem er seine Frau und seine Tochter bei einem Selbstmordanschlag eines islamistischen Fantatikers verloren hat, ist er dabei, auch sich selbst zu verlieren. Sein Blick wendet sich von der Welt draußen, die ihm die Familie genommen hat, mehr und mehr ab. So kann es geschehen, dass er meint, dass nun die kleine Judith beim ihm wohnt, die doch schon vor Jahrzehnten in Rotetrdam verschwunden ist. Mit Judiths Gegenwart verschmilzt Leóns Verlust mit den lange zurück liegenden Ereignissen nach dem Anschluss 1938, als Judiths Familie, von den Nazis zerschlagen und vertrieben und beinahe vollständig ausgelöscht wurde.

So wie ein Großteil von Judiths Familie während der Nazizeit ausgelöscht wurde, so wurde nun auch Leóns Familie ausgelöscht. Von einem einzelnen religiösen, bärtigen Fanatiker, aber aus den selben, für ein denkendes Wesen völlig unverständlichen Beweggründen, die damals schon die braunen Verbrecher antrieben: Hass, Verblendung, Neid, Überheblichkeit.

Ändert sich denn nichts?

Der Roman ist in unserer nahen Zukunft angesiedelt, in Leóns Zeit leben die Menschen Wiens in einer postdemokratischen Zeit, in der diejenigen, die heute in die Regierung gekommen sind, endgültig das Leben des Landes durchdrungen haben. Mit der Angst vor Anschlägen wird Politik gemacht, die Bürger lassen sich leichter kontrollieren und steuern, wenn man ihnen eine nahe Gefahr vorspielt, die jeden in jeder Minute zu bedrohen scheint.

Denn jede Zeit hat ihre Ausgegrenzten, ihre Schuldigen, die, auf die sich Zorn, Haß und Abneigung abladen lassen. Nur der Umfang des Zorns mag variieren, manchmal mündet er in offene, grenzenlose Gewalt, manchmal verhindern für einige Zeit die geltenden moralischen Konventionen, dass diese Gewalt ausbricht. Präsent und latent ist sie aber immer.

Damals waren es die Juden, die von selbsternannten Übermenschen zu Feinden erklärt und ermordet wurden. Die dummen Erben dieser Zeit kennen auch heute nichts anderes als diesen Anitsemitismus. Heute sind es nicht nur die Juden, die als Feindbild herhalten müssen; aber wieder sind es, vor allem, aber nicht nur, die „Alten weißen Männer“ – die, die sich alleine aufgrund ihres Geburtsortes und ihrer Hautfarbe schon für überlegen halten – und wieder wählen sie sich die Schwachen, die Vertriebenen, die Andersdenkenden als Objekte des Hasses aus; und wieder folgen ihnen die Menschen.

Ein Roman zwischen gestern und morgen

„Mein Name ist Judith“ springt zwischen den Katastophen der Vergangenheit und der Gegenwart hin und her. Was León verloren hat, das haben unzählige andere in der Vergangenheit auch verloren. Das verbindet sie miteinander, über die Zeiten hinweg. Es scheint so, als lebten die, die gegangen sind, an den Orten, von denen sie vertrieben wurden, weiter und treffen auf die, die ihnen nachfolgten und sich mit dem Vergangenen beschäftigen möchte; sie berichten den Nachfolgenden, damit das vergangene Leid nie vergessen werde.

Mit enormer Einfühlsamkeit schreibt Martin Horváth über Leóns Begegnungen mit sich, mit der Vergangenheit, mit den Bildern und Erinnerungen, die von der kleinen Judith und von der Familie Klein geblieben sind – wenn es auch nur in Leóns Gedankenwelt passiert, so scheint es doch real. Er erzählt in gleicher Weise von den Kleins, die überlebt haben, die ihren Platz in der Zeit nach der Shoa gefunden haben, ihre Vergangenheit aber immer in der einen oder anderen Weise immer mit sich tragen.

Eines Tages läutet es an Leóns Wohnungstüre.
Alles er öffnet weiß er nicht, ob es wieder nur eine Illusion aus seiner Phantasie ist, oder Realität.

Aus allen diesen Elementen zusammengesetzt, ist ein oft nicht einfach zu lesendes Buch entstanden. Nicht einfach zu lesen, aber wenn man beschlossen hat, sich damit zu auseinander zu setzen, dann findet man sich in einem einfach großartigen Buch wieder: Martin Horváth bringt Wehmut und Trauer, Hoffnung und Optimismus zusammen.

Kleine Schwächen zeigt der Roman nur dann, wenn Horváth Bezug nimmt auf die gegenwärtige politische Lage des Landes. Dann erscheinen mir diese Abschnitte zusammenhanglos, ihnen fehlt die Empathie, die die anderen Abschnittes des Romanes trägt. Das liest sich dann eher wie vorgefertigte Statements gegen den Fremdenhass als zugehörige und eingebettete Teile des Buches (was am Ende aber meinen Gesamteindruck nicht beeinträchtigen kann).

Die Wehmut, die Ratlosigkeit und dann wieder der Optimismus, die der Roman verbreitet, fesselte mich ans Lesen – auf der Suche nach der Auflösung und der Zusammenführung der einzelnen Erzählungen zu einem Ganzen.


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