Georges Simenon: Maigret und die widerspenstigen Zeugen

verfasst am 13.10.2017 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Simenon, Georges

Die Zeichen stehen auf Abschied. Maigret fühlt sich müde und das Wissen, dass er nur noch 2 Jahre bis zur Pensionierung vor sich hat, trägt dazu bei, dass er sich alt fühlt. Es ist November, es nieselt. Ein Tag, der erst Besserung verspricht, als Maigret zu einem Mord gerufen wird.

Doch auch dieser neue Mordfall führt ihm das Vergehen der Zeit vor Augen. Der Tatort ist die alte Waffelfabrik Lachaume; eine, deren Erzeugnisse Maigret aus frühen Jahre seiner Kindheit noch in Erinnerung hat, die jedoch seinen jüngeren Kollegen gänzlich unbekannt sind. Das Mordopfer ist ein Mitglied der Eigentümer-Familie, die auf dem Fabriksgelände wohnt. Überall die Anzeichen des Niederganges, nur noch wenige Menschen arbeiten hier und in der Wohnung sieht man Verfall, man sieht die Plätze der nun fehlenden Möbel, die wohl verkauft wurden, die leeren Bücherregale, die wohl einst gefüllt waren, nur wenige Glühbirnen sind intakt, nur ein Raum scheint geheizt zu sein.

In diese morbide Atmosphäre passen die Mitglieder der Familie, ja sie sind förmlich mit ihr eine Symbiose eingegangen, verwachsen. Die Polizei, der Kommissar werden als Eindringlinge abgelehnt, niemanden scheint der gewaltsame Tod eines der ihren zu berühren, niemand will etwas vom Schuss gehört haben, niemand möchte mit Maigret sprechen. Anstatt bereitwillig Auskunft zu geben, wird sogar der Familienanwalt hinzugerufen um die Befragungen zu überwachen.

Als der junge Untersuchungsrichter, der für diesen Fall zuständig ist, und kurz nach Maigret den Tatort erreicht, dann auch noch bei den ersten Befragungen immer dicht bei Maigret bleibt, wird er, der berühmte Kommissar unsicher. Alles trifft zusammen: seine schlechte Stimmung, die eigenartigen Menschen, der neugierige Richter, den er nicht einschätzen kann. Maigret, der alte erfahrene Kriminalist ist unsicher, kann nicht so recht einschätzen, ob der junge Jurist länger als erforderlich am Tatort verbleibt, weil von Maigrets Erfahrung lerne möchte oder ob er Maigrets Ermittlungsmethoden als überholt betrachtet.

Toll, wie sich die Stimmung beim Lesen überträgt, wie die Ratlosigkeit Maigrets bei der Befragung der Zeugen übergreift, wie der Roman von Beginn an ungemein bestimmend verlangt, die ganze Geschichte in einem Zug durch zu lesen; dabei geht es weniger um Spannung als um die so real wirkenden Gespräche, um die so ungemein echt wirkende Beschreibung der Orte und der Personen. Auch wenn ich keine der insgesamt vier Verfilmungen dieses Romanes gesehen habe, so sehe ich beim Lesen doch alles wie in bewegten Bildern vor mir.


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