Georges Simenon: Maigret und die kopflose Leiche
Maigrets 47. Fall

verfasst am 23.10.2012 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Simenon, Georges

Wären es die Teile einer weiblichen Leiche gewesen, dann hätte Maigret sich wahrscheinlich gar nicht selbst um den Fall gekümmert – zu oft entledigte sich ein Mörder auf diese Art seines Opfers. Doch es ist äußert ungewöhnlich, dass man die Körperteiles eines Mannes aus der Seine fischt: Es scheint, als ob Maigret ahnt, dass sich hinter dem Fund der Leichenteile mehr steckt, als nur der übliche gewaltsame Tod eines Menschen – der Kommissar nimmt sich von Anfang an selbst der Sache an.

Dieser nicht übermäßig geschmackvolle Fund, den zwei Brüder von ihrem Lastkahn aus machen, passt so gar nicht zu der aufkeimenden Frühlingsstimmung in Paris. Und dann tauchen die Einzelteile der Leiche auch noch Stück für Stück auf, aber ein ganzer Mensch wird nicht daraus,  solange der Kopf verschwunden bleibt.

So etwas erschwerte damals wie heute die Ermittlungen ungemein. Und dann wird der Fall auch noch von einem Untersuchungsrichter geleitet, der andauernd ungefragt Tips zur Polizeiarbeit gibt und von Maigret laufende Berichte über den Stand der Ermittlungen fordert.

Als gleich mehrere Beteiligte sehr ähnliche Vermutungen über den unbekannten Toten anstellen, scheint es Maigret, als würde sich der Fall trotz des unvollständigen Opfers doch rasch aufklären lassen. Die Ergebnisse der gerichtsmedizinischen Untersuchung und die Analyse der an der Leiche gefundenen Spuren weisen allesamt in eine ganz bestimmte Richtung. Und dort findet Maigret ein Frau, aus deren Verhalten er zunächst nicht schlau wird. Selbst er, der erfahrene Ermittler, kann nicht hinter die Mauer blicken, die diese Frau rund um sich aufgebaut hat.

Eines ist bald klar: auch falls es sich um die richtige Spur handeln sollte, einen schnellen Erfolg wird der Kommissar nicht verzeichnen können. Zu verschlossen gibt sich die Frau und durch ihren nicht ganz moralischen Lebenswandel könnten sich am Ende auch noch jede Menge an potentielle Verdächtigen finden lassen – einen ihrer Liebhaber lernt Maigret bald kennen, aber man spricht von einer weitaus größeren Anzahl.

Aber der Reihe nach: wo ist der Ehemann dieser Madame Calas? Tot oder, wie seine Frau angibt, auf dem Weg zu einem Weinlieferanten um die Vorräte ihres Lokales aufzufüllen?

Maigret investiert mehr Zeit als gewöhnlich in diesem Fall und lässt dabei auch mehr persönliche Nähe zu, als man es von ihm erwarten würde.

In der Diogenes Reihe „Sämtliche Maigret Romanes“ hat dieser die Nr. 47 erhalten. Ob das tatsächlich die chronologisch korrekte Zahl ist, weiß ich nicht, nur das: nach so vielen Jahren und so vielen Romanen hat Simenon einen Charakter geschaffen, der wohl einzigartig in der Literatur ist. So genau kennt man ansonsten niemanden. Und obwohl die Figur Maigret über so lange Zeit immer sich selbst treu blieb, so entwickelte sie sich gleichzeitig stetig weiter und zeigte immer neue, überraschende Facetten.

Der Maigret in diesem Roman ist ein nachdenklicher Polizist, der sich geduldig immer näher an den Ausgangspunkt heran arbeitet. Wort für Wort erscheint alles wirklich, so real, als würde man dort im Bistro, im Kommissariat, auf den Straßen der Stadt einem wirklichen Polizisten bei der Arbeit über die Schulter blicken.



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