Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Die Tote im Götakanal
Ein Kommissar-Beck-Roman, Band 1

Wie ein Polizeibericht. Mit diesem ersten gemeinsam verfassten Krimi des AutorInnen-Duos Maj Sjöwall & Per Wahlöö betritt Kommissar Beck die Szene. Hennig Mankell, der ja selbst einer der Auslöser des späteren weltweiten Schwedenkrimi-Booms ist, bezeichnet Sjöwall & Wahlöö als seine Vorbilder, als Wegbereiter einer neuen Art von Krimi. Und das, was mir schon nach wenigen Seiten auffiel war: wie ein Polizeibericht. 

Die übel zugerichtete Leiche einer jungen Frau hat sich bei Baggerarbeiten im Kanal in der Schaufel des Schwimmkrans verfangen. Der örtlichen Polizei fehlen die Mittel, diesen Fall zu lösen: die Frau bleibt unbekannt, eine Spur vom Täter lässt sich nicht entdecken. Verstärkung kommt aus Stockhol, doch auch das Tema mit Kommissar Beck tappt vorläufig im Dunklen; es dauert Wochen, bis die Rückfragen bei anderen Polizeibehörden im In- und Ausland endlich ein erstes Ergebnis bringen.

Drei Monate benötigt man, nur um die Identität der Toten zu klären. Nun aber stecken Beck und sein Kollege Ahlberg alle Energie in die Ermittlung – zu lange mussten sie im Dunklen tappen, zu viel Vorsprung hat der Mörder, zu sehr nagte der bisherige Mißerfolg an den Polizisten.

Zu einer Zeit, als es noch nicht einmal Telefax gab, gestaltet sich aber auch die weitere Arbeit schwierig und langwierig. Das Opfer ist eine amerikanische Touristin auf Rundreise durch Europa. Ermordet wurde sie während einer Fahrt auf dem Passagierschiff Diana, wie schon bald zweifelsfrei feststeht. Die Vernehmung von Passagieren und Mannschaften, die sich zwischenzeitlich über den ganzen Erdball verstreut haben, gestaltet sich ein wenig mühsam.

Den Stil des Romanes auch nur als nüchtern oder sachlich zu beschreiben ist schon eine Untertreibung. Beinahe distanziert schildern Sjöwall & Wahlöö die Vorgänge und die Menschen. So erfährt man zwar, dass Kommissar Beck die schädlichsten Zigaretten raucht,  die man für Geld bekommen kann, aber ansonsten bleibt er für uns kühl, unpersönlich; und mit ihm alle anderen Personen, so als wäre zu viel Persönliches der Krimihandlung im Wege.

Eben, als wäre dies ein P0lizeibericht aus der Feder eines literarisch ambitionierten Polizisten. Das zentrale Thema ist die Ermittlungsarbeit: wie Geduld und Beharrlichkeit, Zufall und Intuition, unzählige Gespräche und Vernehmungen die Polizisten Stück für Stück immer weiter bringen. Manchmal in quälend langsamem Tempo, manchmal überstürzen sich die Ereignisse beinahe; und auch Kommissar Beck ist kein Wunderwuzzi a la Poirot oder Holmes sondern einfach ein gewissenhafter Arbeiter mit der erforderlichen Portion Kreativität und dem richtigen Gespür. Alles erscheint glaubhaft, genau so könnte sich die Ermittlungsarbeit im einem wirklichen Mordfall entwickeln.

Eine Besonderheit ist, dass Sjöwall & Wahlöö neue Erkenntnisse für uns LeserInnen immer wieder zusammenfassen (indem zB. Beck das gerade gehört Revue passieren lässt); das ist recht praktisch und hilft, dem Geschehen zu folgen.

Nachdem ich mich an den (s.o.) nüchternen Erzählstil gewöhnt hatte, wurde der Krimi trotzdem (?)/gerade deshalb (?) wirklich spannend. Tatsächlich ist es einer der besten Krimis, die ich in letzter Zeit gelesen habe.

PS: Man bemerkt, dass dieser Krimi bereits im Jahr 1965 erschien. Woran? Es wird in den Büros unglaublich viel geraucht, es gibt nur Tischtelefone und Telefonzellen und die Sexsymbole heißen Anita Ekberg und Sohia Loren. Abgesehen von diesen Kleinigkeiten aber: ein Buch das wirkt, als wäre es gerade erst geschrieben worden.



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