Padura, Leonadro: Der Mann, der Hunde liebte

verfasst am 03.07.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Padura, Leonardo, Romane

Um es gleich am Beginn zu betonen: „Der Mann, der Hunde liebte“ gehört dringend in den Katalog der (erlaubten) Suchtmittel aufgenommen und ich warne sie eindringlich vor der Lektüre. Als ich dieses Werk erstmals in Händen hielt, sank mein Arm gleich um mehrere Zentimeter ab und ich dachte mir nur, was für ein Ziegel von Buch! Fast scheint es so, als ob die Ausmaße der Geschehnisse und seine weltumspannende Bedeutung, ihm zusätzlich Gewicht verleihen.

Leonardo Padura erzählt in diesem brilliant geschriebenen Monumentalwerk auf 730 Seiten von einem der abscheulichsten und hinterhältigsten Verbrechen des letzten Jahrhunderts, einem Zeitabschnitt, der mit ekelhaften Gewalttaten wahrlich nicht gegeizt hat.

Zur Sache: Ivan Cardenas Maturell, ein desillusionierter, kubanischer Schriftsteller trifft im Jahr 1977 am Strand bei Havanna einen rätselhaften, anscheinend schwer erkrankten Mann, der sich Jaime Lopez nennt und mit seinen beiden russischen Windhunden am Meer Spaziergänge unternimmt. Die beiden Männer freunden sich an und Lopez erzählt ihm die Lebensgeschichte von Ramon Mercader, der als Mörder von Lew Dawidowitsch Bronstein, besser bekannt als Leo Trotzki, in die Weltgeschichte einging.

Mercader, ein spanischer Kommunist wurde während des Bürgerkriegs in seiner Heimat von einem russischen Agenten angeworben und ausgebildet, um eine sehr spezielle Mission für das Weltproletariat durchzuführen. Der große Steuermann Josef Stalin hat es sich in seinen kranken Kopf gesetzt, neben vielen anderen Kampfgefährten, dem Mitstreiter Lenins, dem Gründer der Roten Armee, dem legendären Revolutionär Trotzki das Lebenslicht auszublasen.

Lew Dawidowitsch befindet sich seit 1928 mehr oder weniger auf der Flucht vor dem Diktator, wenngleich dies auch euphemistisch als Asyl bezeichnet wird. Kaum ein Land wagt ihn aufzunehmen. Alma-Ata, die Türkei, Norwegen und schließlich Mexiko sind die Stationen seiner Odyssee. Wiederholt kommt es zu Anschlägen auf Trotzki, denen er mit Glück entgeht. Am Ende überlebt nur seine Frau Natalia Sedowa und sein Enkel Ljowa die Angriffe der stalinistischen Killerkommandos. (Stalin begnügte sich niemals ausschließlich seinen Widersacher auszuschalten. In seinem Wahn mussten auch immer die Familienmitglieder bis ins 3. Glied daran glauben.)

Mercader bereitet sich drei Jahre auf das Attentat vor, wechselt seine Identität und nennt sich fortan Jaques Mornard mit belgischer Staatsbürgerschaft. Durch eine Scheinliebschaft mit der amerikanischen Aktivistin und Trotzki-Vertrauten Silvya Angelof erlangt er Zutritt zum festungsähnlichen Wohnhaus von Leo Trotzki und das Resultat ist der 20.August 1940, der Tag, an dem er einen Eispickel in den Kopf des Russen hieb. Danach wird er festgenommen, verhört, verurteilt und nach 20 Jahren Gefängnis nach Moskau abgeschoben. Dort lebte er bis 1974, um anschließend die letzten vier Jahre seines Lebens auf Kuba zu verbringen.

Padura versteht es meisterhaft, den zeitgeschichtlichen Hintergrund der Tat auszubreiten: die wahnhaften stalinistischen Säuberungen und Schauprozesse in der Sowjetunion, den Verrat an den Republikanern im Spanischen Bürgerkrieg, sowie damit verbunden der Aufstieg des Faschismus in Europa, gipfelnd mit der Machtergreifung Hitlers in Deutschland und dem heranziehenden neuerlichen Weltkrieg. (Wären die Geschichtsstunden in der Schule auch nur annähernd so spannend und fesselnd gewesen, wäre ich heute wahrscheinlich Historiker!)

In drei Erzählsträngen wird die Handlung mit epischer Breite, rasantem Tempo und trotzdem leicht lesbar, vorangetrieben. Neben dem Schriftsteller Ivan, der als Erzähler fungiert, bewegen sich die Lebensläufe von Trotzki und seinem Mörder Mercader anfangs parallel und schließlich unentrinnbar aufeinander zu.

Padura hält sich strikt an die historischen Fakten, nur wo es keine Gewissheiten gibt (im Lebenslauf von Ramon Mercader beispielsweise), unterstützt die schriftstellerische Fantasie den Lauf der Dinge. Und der Kubaner ist ein wahrer Meistererzähler und vermag die Atmosphäre auf den Buchseiten zum Knistern zu bringen, vergleichbar mit dem genialen, leider schon verstorbenen Romancier Roberto Bolano.

Absolute Größe erreicht das Buch, wenn Mercader und sein früherer Mentor Kotow die Ereignisse reflektieren, die Pervertierung der größten Utopie der Menschheit (Gleichheit und Demokratie) durch Stalin anprangern, ihren eigenen blinden Glauben an die Sache verurteilen und der Wahrheit ins Auge sehen, nämlich dass sie willige Mordwerkzeuge in den Händen eines Wahnsinnigen waren – dabei kommt man mehrmals in die Situation Mitleid mit dem Mörder zu empfinden.

Liest sich das Buch über weite Strecken wie ein perfekt konstruierter Spionageroman, so schwenkt es in den philosophischen Passagen in ein Werk von großer, bedingungsloser Tiefe um, welches die Verbrechen des Kommunismus auf allen Ebenen schonungslos offen legt.

Lange Rede, kurzer Sinn: ich ziehe den Hut und neige mein Haupt in Demut und Bewunderung vor dem großen Leonardo Padura.

PS: Obwohl erst die Hälfte des Jahres vorbeigerauscht ist, wage ich zu behaupten, dass dies mein Buch des Jahres ist. Sollte noch etwas Eindrucksvolleres nachkommen freue ich mich. Soweit reicht mein Glaube allerdings nicht.



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