Buchbesprechung/Rezension:

Patrícia Melo: Die Stadt der Anderen

Die Stadt der Anderen
verfasst am 15.02.2024 | 1 Kommentar

Autorin/Autor: Melo, Patrícia
Genre: Romane
Buchbesprechung verfasst von:
LiteraturBlog Bewertung:

Was und wo ist diese „Stadt der Anderen“? Es ist die Stadt in unseren Städten, die von den Ärmsten, den Zurückgelassenen und den Aufgestoßenen bewohnt wird. Sie leben mitten unter uns, neben uns, ignoriert, übersehen.

Es gibt sie in allen Städten auf der Welt, doch bei uns in Europa wohl nirgends in so einem Umfang und vor allem nicht in so einer Hoffnungslosigkeit wie auf anderen Kontinenten. In São Paulo, der größten Stadt Brasiliens, gibt es so eine Stadt der Anderen.

Denn São Paulo ist ein sehr anschauliches (und negatives) Beispiel für soziale Problemgebiete, wohnt doch ein unvorstellbar großer Teil der Bevölkerung in den Slums, die das besser entwickelte Stadtzentrum umgeben. Es wird geschätzt, dass das rund 25 % der mehr als 12 Mio. Einwohner der Stadt sind. Wir haben alle schon viel über die Favelas gehört und Dokumentationen darüber gesehen, dieser Roman beschreibt sehr eindrücklich das Leben der Menschen, die dort ihr Dasein fristen. Das beobachtet und beschreibt Patrícia Melo, sie beschriebt die Realität anhand von fiktiven Charakteren, die man aber dort wahrscheinlich zu hunderten, tausenden, zehntausenden in der Wirklichkeit antreffen kann.

Elend nennen es die einen, Freiheit die anderen. Wie frei ist man aber, wenn man jeden einzelnen Tag um sein Essen und um sein Nachtlager kämpfen muss. Dabei, das erfährt man bald, ist die Armut nicht das Schlimmste, das einem Menschen widerfahren kann. Es ist die Verachtung, der man ausgesetzt wird, dass man übersehen wird, als wäre man überhaupt nicht da.

Der Roman begleitet einige der Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt und weil sich alles inmitten der Pandemie zuträgt, ist alles noch dramatischer und hoffnungsloser, als in normalen Zeiten.

Einer ist Totengräber und einer der wenigen, die in einem festen Haus wohnen. Seit die Pandemie die Welt im Griff hat, ist die Menge der Toten, die er mit seinen Kollagenen beerdigen muss, unüberschaubar geworden. Wie lange kann man das durchhalten?

Oder: Chilves und Jessica sind ein Paar. Er sammelt auf den Straßen alles, was sich zu Geld machen lässt, sie putzt in Häusern. Jeden Abend müssen sie sich irgendwo ein Nachtlager herrichten. An richtigen Schlaf ist sie dabei nicht zu denken, denn auf der Straße zu leben heißt jederzeit das Ziel von Gewalt werden zu können.

Korrupte Polizisten, die von der Justiz nicht belangt werden, sind gefürchtet, sie haben keine Skrupel zu töten, wenn ihnen jemand im Welt ist.

Ein Buch, das nicht einfach zu lesen ist. Nicht wegen des Schreibstils, was da steht, ist klar und eindeutig, weit außerhalb unserer Wohlfühlzone. Sondern wegen der beschriebenen Zustände, der Verhältnisse, unter denen die Menschen leben, überleben und sterben. Für uns kaum vorstellbar, dass es viele Millionen sind, die solcherart über die Runden kommen müssen, für uns Europäerinnen und Europäer jenseits von allem, was wir bei uns sehen und kennen.

Je mehr man liest, desto weniger will man weiterlesen. Mir jedenfalls ist es unmöglich, das ganze Buch, die ganzen 395 in einem Zug durchzulesen. Zu deprimierend, zu unvorstellbar, zu unwirklich ist das, was Patrícia Melo über die Menschen schreibt, die nichts haben, außer ein paar Taschen, in denen sich ihr ganzes Leben spiegelt. Wenn es aus diesem Leben, das sich außerhalb der Wahrnehmung der Wohlhabenden abspielt, zu entfliehen, benötigt man Unterstützung von außen, die aber nur selten zu bekommen ist. Denn die Sozialsysteme, die Bürokratie sind nicht ausgerichtet, dieser täglich größer werdenden Masse an Menschen helfen zu können; oder helfen zu wollen. Also bleiben letztendlich als Auswege nur Gefängnis, Drogen, Opfer von Gewalt zu werden oder, für wenige, das Glück, jemanden zu treffen, der hilft. Alledem aus eigener Kraft dem zu entfliehen wird mit jedem Tag unwahrscheinlicher.

Manchmal meine ich, dass die Autorin tatsächlich selbst einige Zeit lang dort gelebt hat, wie sonst soll man sich so hineinversetzen können in diese Menschen?

Die Verhältnisse, über die man liest, sind real, die einzelnen Schicksale Fiktion. Welch ein Glück, dass der Zufall unserer Geburt mitten in Europa auf die Welt gebracht hat und nicht irgendwo dort in einem der Slums Südamerikas (oder anderswo)




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