Leonardo Padura: Der Schwanz der Schlange

verfasst am 27.02.2012 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Padura, Leonardo

Wie kann man sich das Havanna am Ende der 1980er-Jahr vorstellen? Die Sowjetunion existiert noch, Mao ebenfalls, Kuba ist also wenigstens nicht alleine in seinem sozialistischen Weltbild. Alleine aber sind wohl die Menschen in der Stadt. Der alte Glanz ist in vielen Jahrzehnten vergangen und obwohl schon so vieles zerfallen ist, bröckelt es an allen Ecken weiter.

Polizist zu sein, das kann zu dieser Zeit, in diesem Land ein zweischneidiges Schwert sein. Auch wenn man mit Ideologie und Partei nicht gemein haben mag, keine Privilegien hat,  so ist man für die Menschen doch ein Repräsentant des Regimes. Mario Conde hat gelernt, sich darauf einzustellen. Siene Aufgabe ist es, wirkliche Verbrechen zu klären.

Seine Arbeit wird beim Fall des ermordetens Chinesen noch weiter erschwert. Denn unter dessen Landsleuten ist er nicht nur ein Vertreter der Obrigkeit, sondern auch noch ein Fremder, einer, der einer anderen Kultur angehört.  Nur mit Hilfe eines Mannes wird er diesen Fall klären können. Es ist der Vater seiner Kollegin Particia. Die Tochter: eine wahre Traumfrau, Mutter Schwarzafrikanerin, Vater Chinese. Der Vater: in den 1920ern nach Kuba gekommen auf der Suche nach Wohlstand, hängen geblieben in einem Land der Armut und des Stillstandes.

Der Fall: ein alter Mann wurde tot in seiner ärmlichen Kammer gefunden. Erhängt, mit seltsamen Symbolen verunstaltet, ein Finger abgeschnitten. Mario Conde hat das Gefühl, dass hinter dieser Tat mehr steckt als nur ein einzelner Mord. Regiert In den verwinkelten engen, von zerfallenden Häusern eingerahmten Strassen des Chinesisches Viertels eine unsichtbare Macht? Wurde ein alter Ritus ausgeführt, steckt eine Geheimorganisation dahinter? Die in die Leiche eingeritzten Symbole, ein abgeschnittener Finger: weist das auf einen religiösen Hintergrund? In diesem Land, in dem afrikanische und christliche Religionen und Mythen seit Jahrhunderten  verschmelzen, benötigt Conde Hilfe.

Die Ermittlung führt durch eine sterbende Stadt mit Menschen ohne Perspektive. Das Warten auf den nächsten Stomausfall gehört ebenso dazu, wie der Mangel an Dingen des täglichen Lebens. Klar ist aber, dass unter dieser Oberfläche der Lethargie das Verbrechen genauso lebt, wie in jedem anderen Land der Welt auch. Und es stellt sich die Frage, ob hier nicht Religion missbraucht wurde, um ein Verbrechen zu verdecken (Das kennt man ja, das geschieht auch noch noch jeden Tag auf der ganzen Welt).

Es ist weniger der Kriminalfall, der mich in diesem Buch in seinen Bann zog (der verwirrte mich mit vielem „Fachchinesisch“ manchmal eher) , es ist die Beschreibung der Menschen und ihrer Lebensumstände, die für mich der Hauptinhalt sind: diese Mischung aus gleichzeitig Trauer und Freude, Hoffnungslosigkeit und Hoffnung im Land des Fidel Castro zu einer Zeit, in der die kommunistische Weltrevolution gerade in den letzten Zügen lag.

Land und Leute kenne ich nicht, war selbst noch nie auf Kuba. Leonardo Padura hat mir mit diesem Buch nun zu einem einprägenden, nachhaltigen Bild dieses Landes, dieser Zeit, seiner Heimat verholfen: offen und ehrlich (soweit es sich von hier aus beurteilen lässt), die Missstände aufzeigend. Gleichzeitig schreibt er aber auch behutsam und liebevoll und erklärt damit, warum dort seine Heimat ist, die er trotz allem nicht verlässt.


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