Buchbesprechung/Rezension:

Oliver Hilmes: Berlin 1936
Sechzehn Tage im August


verfasst am 09.08.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Geschichte, Hilmes, Oliver
LiteraturBlog Bewertung:

Für die Nationalsozialisten war es ein höchst willkommenes Geschenk, dass ihnen die Weimarer Republik hinterlassen hatte: Die Olympischen Spiele 1936 wurden im Jahr 1931 an Berlin vergeben, auch als Zeichen, dass Deutschland nach dem 1. Weltkrieg wieder in die Reihe der Nationen aufgenommen worden war.

In den dazwischen liegenden Jahren aber hatten sich die Verhältnisse in Deutschland radikal geändert, die Nazis die Macht übernommen und ihr Terrorregime etabliert. Auch die Nürnberger Rassengesetze waren bereits seit einem Jahr beschlossen. Vor diesem Hintergrund wurde der Boykott der Spiele überlegt; um die Verhältnisse vor Ort zu überprüfen, entsandte das IOC einige Delegierte nach Deutschland: allesamt Amerikaner und allesamt selbst weiße Rassisten, die selbst nicht dabei fanden, Juden und farbige Menschen aus der Gesellschaft zu entfernen.

Der Boykott fand also nicht statt und vom 1. bis 16. August 1936 durfte sich Nazideutschland der Welt präsentieren. Es war wie ein großes Theaterstück, das Goebbels und Konsorten organisierten, alles was dem Bild eines friedliebenden, bestens organisierten Staates hätte widersprechen können, wurde aus den Straßen und den Nachrichten verbannt, selbst das Hetzblatt „Der Stürmer“ verschwand für ein paar Tage aus der Öffentlichkeit.

„Berlin 1936“ berichtet von diesem politischen Umfeld und von den Abläufen und der Organisation der Spiele. Vor allem aber liest man über die Eindrücke und Erfahrungen einzelner Menschen in jenen Tagen. So begleitet man unter anderem den Verleger Ernst Rowohlt und den Schriftsteller Tom Wolfe, liest über Jesse Owens und Lutz Long, besucht Cafés und Restaurants und Hotels und trifft auf Besucherinnen und Besucher aus aller Welt. 

Zugleich aber läuft hinter den Kulissen, und für die Zeit der Spiele gut vor der Öffentlichkeit verborgen, die Mordmaschinerie der Nazis weiter. Deutsche Soldaten werden zur Unterstützung Francos nach Spanien entsende, das Konzentrationslager Buchenwald wird errichtet, SA und Gestapo greifen – auch mit Hilfe von unzähligen Spitzeln – jeden auf, der es wagt, Kritik auch nur in der harmlosesten Form zu äußern, die Nachrichten in der gleichgeschaltete Presse liefern täglich das verlogene Bild der angeblich so perfekten Welt im Deutschland des Jahre 1936. Dazu liest man immer wieder im Wortlaut Anweisungen, die von Goebbels Propagandaministerium an die Redaktionen der Zeitungen herausgab.

Aus historischen Fakten und historischen Alltagsgeschichten zusammengestellt ist „Berlin 1936“ ein ganz großartiges Buch, das dabei hilft zu verstehen, wie die Welt damals aussah, wie sie funktioniert und wie es den Nazis gelang, ein ganzes Land in ihrem Sinn umzubauen und lange Zeit der Welt das Märchen vom friedliebenden Nationalsozialismus vorzugaukeln.

Daneben versteht man aber auch, dass dies nur gelingen konnte, weil es auch außerhalb Deutschlands unzählige Unterstützer des Regimes gab, dass Rassismus keineswegs auf Deutschland beschränkt war, sondern damals – wie heute – eine weltweite Krankheit war und ist.

Oliver Hilmes verbindet alles in einer romanhaften Darstellung, was den Widerspruch zwischen der Lebensrealität in Nazideutschland und dem der Welt gebotenen Bild nur noch wirkungsvoller vermittelt. Mit den zeitlichen Rück- und Ausblicken wird das Geschehen in einen verständlichen Kontext gesetzt; man liest und erlebt, wie die auf Eroberung und Gewalt aufgebaute Ideologie für ein paar Tage in den sichtbaren Lebensbereichen quasi in den Leerlauf versetzt wurde – alles um der Welt eine Illusion vorzuspielen.




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