David Safier: 28 Tage lang

verfasst am 25.04.2014 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Safier, David

Ein dunkles Kapitel aus dem an dunklen Kapiteln wahrlich nicht armen 20. Jahrhundert. Als die Deutschen in Warschau das Ghetto für hunderttausende Juden aus ganz Europa errichteten in dem unzählige Menschen starben und als sie später die Überlebenden zu den Gaskammern transportierten um sie alle zu ermorden. David Safier beschreibt jene Tage, als die Deutschen begannen das Ghetto zu räumen – er beschreibt den Aufstand einer kleinen Handvoll Juden gegen ihre Deportation in die Vernichtungslager: 28 Tage von April bis Mai 1943.

Die 16-jährige Mira erzählt von den Tagen, als die Deutschen und ihre Handlanger den 10.000fachen Tod über die im Ghetto zusammengepferchten Juden brachten. Mira musste es damals übernehmen, für ihre Mutter und ihre jüngere Schwester Hannah zu sorgen.

Anfangs noch, indem sie sich durch geheime Schlupflöcher aus dem Ghetto stehlen kann, um Lebensmittel herein zu schmuggeln. Als die Kontrollen immer strikter werden, ist ihr dieser Weg versperrt und sie entschließt sich, sich einem Schmugglerring anzuschließen, der über die Mittel verfügt, an den richtigen Stellen Schmiergeld zu bezahlen.

Doch auch das wird unmöglich gemacht, als die Deutschen beginnen, das Lager zu räumen: wer Arbeit in einem Betrieb außerhalb des Ghettos hat, darf bleiben, alle anderen werden nach Osten verfrachtet. Als Erntehelfer, als Arbeitskräfte würden sie eingesetzt, wie man den Betroffenen sagt, um sie ruhig zu stellen. Doch die Menschen wissen bald, dass sie die Züge nach Osten direkt zum Tod in den Gaskammern transportieren.

Mira und ihre Familie können sich ein paar Wochen lang verstecken. Als die Kontrollen immer dichter und brutaler werden, als bald auch eine Arbeitsbescheinigung nicht mehr vor der Deportation schützt, können sie sich schließlich nicht mehr verbergen. Mira versucht noch ihre Mutter, ihre Schwester und eine Freundin zu retten, die im Versteck zurück bleiben, während Mira sich opfert und freiwillig mit den Nazis mitgeht. Doch vergebens, alle fallen in die Hände der Nazis.

Miras Weg kann jetzt nur noch in den Widerstand führen. Sie geht dorthin, wo sie nie hin wollte: in ein Leben, in dem sie das Leben anderer nehmen muss; auch wenn es sich dabei um Deutsche oder um ihre Schergen handelt – so sind sie doch Menschen.

Safier schildert die Gräuel beinahe beiläufig. Er schreibt über die Angst, die Not, die Qualen. Über den täglichen Tod, darüber, wie manche der Opfer versuchen, mit Kollaboration zu überleben und darüber, wie die Deutschen kalt lächelnd alle gegeneinander ausspielen. Menschlichkeit verschwindet und wird durch das Warten auf den sicheren Tod ersetzt.

Diese Beiläufigkeit reicht aber vollkommen aus, um zu erschaudern. Verstehen, wie es den Menschen ging, werden wir niemals können. Damit meine ich sowohl die Opfer, wie auch die Täter. Wie konnte man dieses Leid ertragen und wie konnte man dieses Leid antun? Für diese Fragen benötigt man keine emotionale oder moralisierende Erzählweise, man kann sich alles vorstellen, auch wenn die einzelnen Worte so harmlos sind.

Dafür reicht das aus, was David Safier schreibt. Fast sachlich, wie eine aussenstehende Chronistin, lässt er Mira von ihrem Leben erzählen. Ihre persönliche Geschichte ist Fiktion, das, was sie und ihre Mitstreiterinnen durchleben müssen, basiert jedoch auf historischen Fakten. So brutal, so grausam das alles ist: David Safier hat uns dabei doch die grausamsten und brutalsten und niederträchtigsten Details erspart.

Er berichtet genau so viel, damit wir, die wir wissen und verstehen möchten, unseren Vorsatz bekräftigen, solches nie wieder zuzulassen.

Eines lässt mich die ganze Zeit nicht los: genau heute vor 71 Jahren kämpften in Warschau die Juden gegen die Nazis um ihr Überleben. Und heute, im April des Jahres 2014, rotten sich noch immer solche Nazis zusammen, beschmieren jüdische Einrichtungen und Gedenkstätten und suhlen sich in dummen Gewaltvorstellungen und hirnloser Gewalt gegen alle, die keine Nazis sind.

Historischer Hintergrund:


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