Buchbesprechung/Rezension:

Javier Cercas: Die Erpressung
Terra Alta 2

verfasst am 27.07.2022 | einen Kommentar hinterlassen

AutorIn & Genre: Cercas, Javier, Kriminalromane
Buchbesprechung verfasst von :
LiteraturBlog Bewertung:

Ein toller Politthriller & Kriminalroman, der immer offen lässt, was von dem Gelesenen einen Bezug zu Ereignissen hat, die tatsächlich stattgefunden haben und was davon reine Fiktion ist.

Der Reihe nach: Im Zentrum steht der Polizist Melchor Marin, der selbst eine sehr verschlungene Vergangenheit hat. Seine Mutter, eine Prostituierte, wurde ermordet; er verdingte sich als Drogenkurier und wanderte für mehrere Monate ins Gefängnis; irgendwann während dieser Zeit beschloss er, Polizist zu werden; und als Polizist wurde er zum Helden, weil er im Alleingang einen Terroranschlag in Barcelona verhinderte. Melchor Marin ist ein Polizist, der es manchmal mit den Grenzen, die das Gesetz festlegt, nicht allzu genau nimmt und dann Gerechtigkeit nach seinen eigenen Vorstellungen definiert. Vieles über diese Vergangenheit las man schon  „Terra Alta 1 – Geschichte einer Rache„, einiges kommt in diesem Roman dazu.

Nachdem er den Terroranschlag verhindert hatte, wurde Melchor zu seiner eigenen Sicherheit nach Terra Alta versetzt, um vor der Rache der Islamisten sicher zu sein.

Im aktuellen Fall werden seine Fähigkeiten wieder in Barcelona benötigt –  die Bürgermeisterin der Stadt wird erpresst, eine in vielerlei Hinsicht komplizierte Angelegenheit, bei der die Bürgermeisterin selbst auch nicht mit offenen Karten spielt. Melchors früherer Vorgesetzter Inspector Blai holt ihn in die Abteilung für Entführung und Erpressung, die chronisch unterbesetzt ist und mit diesem neuen Fall dringend Verstärkung braucht.

Das Spiel, um das es geht, ist die Politik, im Speziellen um die Politik Kataloniens: Javier Cercas zeichnet ein entlarvendes Bild über die Unmoral und die Gewissenlosigkeit der Initiatoren der Unabhängigkeitsbewegung, mit der es einige wenige Familien und einflussreiche Katalanen aus Eigennutz und Machtgier geschafft haben, hunderttausende Menschen auf die Straße zu bringen, um für eine Abspaltung von Spanien zu demonstrieren. Was man hier liest, erinnert (es geschah ja auch annähernd zeitgleich) an den Brexit, der auch von einigen wenigen Populisten (einer von denen, Boris Johnson, hat seinen Machtrausch erst kürzlich übertrieben) befeuert wurde und bei dem sich, ganz ähnlich wie in Katalonien, die Menschen von verlogenen Argumenten und irrwitzigen Versprechungen in die Irre führen ließen.

Was in „Terra Alta 2 – Die Erpressung“ auf Tatsachen beruht und was Fiktion ist, kann ich mangels Kenntnissen über die Verhältnisse des Landes nicht beurteilen. Javier Cercas trägt selbst auch ganz bewusst zur beabsichtigten Verwirrung bei, indem er seinen Roman „Terra Alta 1 – Geschichte einer Rache“ direkt in die Handlung einbringt. Innerhalb der Story von Terra Alta 2  ist der Roman Terra Alta 1 tatsächlich auch erschienen und von denjenigen, die das Buch gelesen haben, meint die eine Hälfte, dass alles darin wahr wäre, während die andere Hälfte es als Hirngespinst abtut. Genau so soll es wohl auch uns wirklichen Leserinnen und Lesern dieses Romanes gehen, dass wir nämlich immer im Unklaren über den Realitätsbezug (oder eben nicht) bleiben.

Zurück zur Handlung:
Die Bürgermeisterin wird mit einem Sexvideo erpresst, das keinesfalls an die Öffentlichkeit gelangen darf, denn sonst wäre ihre Politkarriere zu Ende. Sie ist bereit zu zahlen, doch die Polizei rät ab – es wäre nur der Auftakt zu immer wiederkehrenden Erpressungen. Die Ermittlungen bringen die geheimen Verbindungen der Politik und ihrer Netzwerke zu Tage und vor allem enthüllen sie, wie Machtgier zum gänzlichen Verlust des moralischen Kompasses führt – wenn es nur noch um Macht geht, überhaupt nicht mehr um die Menschen und das Land.

Javier Cercas schreibt das alles in einem schnurgeraden Stil, es liest sich wie eine Reportage, wenn die Arbeit der Polizei beschrieben wird oder wenn man bei Gesprächen oder Verhören dabei ist. Cercas betrachtet seine Protagonisten immer ein wenig aus der Distanz und verschafft sich (und uns LeserInnen) damit ein größeres, sehr differenziertes Bild dieser Personen. Damit schreibt er jedem seiner Charaktere eine völlig eigenständige Persönlichkeit auf den Leib, was der Story eine ganz eigene, unverwechselbare, spannungsreiche Atmosphäre verleiht. Weil Javier Cercas dann auch noch gänzlich unvorhersehbare Wendung einbaut, kann man sich überhaupt nicht mehr von diesem Buch losreißen.

Terra Alta 2 ist ein mehr als würdiger Nachfolgeroman von Terra Alta 1 (den man, das ist meine Empfehlung, unbedingt auch lesen sollte), der alle meine Erwartungen erfüllt – und diese Erwartungen waren wirklich hoch!

Eine ABSOLUTE EMPFEHLUNG für alle, die Krimis, Politthriller, Spannung und Bücher mit Bezug zur Gegenwart lieben!




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