Buchbesprechung/Rezension:

Sam Lloyd: Der Mädchenwald


verfasst am 17.09.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Lloyd, Sam, Thriller
LiteraturBlog Bewertung:

Was man nicht weiß ist, ob der Junge davonlaufen wollte, oder ob er wirklich nur, in Gedanken versunken, den richtigen Weg zurück nicht fand. Seine Eltern holen ihn von der Polizeistation ab, wo er darum gebeten hatte, seinen Vater anzurufen. Der Junge ist Elijah, zwölf Jahre alt, nur mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder Kyle darf er Kontakt haben, alles andere ist ihm untersagt. Keine Schule, keine Freunde, keine Abwechslung, nur ein paar alte Bücher, die er immer wieder liest. Das Wohnhaus im Wald und der Wald und die Wiesen rundherum, ist alles, was er von der Welt sehen und erleben darf. Und zur kleinen Siedlung, dort wo Zauber-Annie und ein paar andere leben, stiehlt er sich manchmal und hofft, dass er dabei nicht erwischt wird.

Auf dem Grundstück, auf dem das Haus der Eltern steht,  stehen verstreut einige verfallene Hütten, eine davon sucht er immer wieder auf. Dort, in einem Kellerverlies, wird ein Mensch gefangen gehalten … WAR ein Mensch gefangen, denn als Elijah an diesem Tag den Keller betritt ist Gretel, so nennt er das Mädchen, das hier gefangen war, nicht mehr da. Das Verlies ist leer, es wartet auf eine neue Insassin …

Elissa ist dreizehn Jahre alt. Sie ist auf dem Weg zu einem Jugendschachturnier, ihre Chance in die Nationalmannschaft und damit zur Weltmeisterschaft zu kommen. Ihre Mutter bringt sie mit dem Auto dorthin, eine Stunde Fahrzeit von daheim. An diesem Tag wird Elissa nicht mehr zurückkehren, in einer Pause des Turniers wird sie entführt. Ein Mann zerrt sie in einen Lieferwagen, der direkt neben dem Wagen ihrer Mutter parkt. Sie wehrt sich mit aller Kraft, aber der Mann betäubt sie und die Welt um sie herum verschwindet.

Praktisch von der ersten Zeile an weiß man, dass in diesem Thriller alles auf pure Dramatik ausgerichtet ist. Dazu blickt man geradewegs in die Gedanken der Protagonisten, um mitzuerleben, was sie gerade erleben. Elijah, Elissa und die Polizistin Mairéad McCullagh, die die Suche nach Elissa leitet – aus der Perspektive dieser drei wird die Geschichte erzählt.

Elijah, der sich zwar im Klaren ist, dass hier ein Mensch gewaltsam festgehalten wird, der aber daraus seine eigenen Nutzen ziehen möchte, wie auch immer dieser aussehen sollte. Elissa, die sich nicht bezwingen lassen will, die fest überzeugt ist, dass sie ihre Mutter wiedersehen wird; ihren Willen verliert sich auch dann nicht, als sie erfährt, dass sie nicht die erste ist, die hier gefangengehalten wird. Mairéad, die das ganze Ausmaß des Schmerzes von Elissas Mutter versteht und für die die Suche nach dem verschwundene Mädchen zu einer sehr persönlichen Angelegenheit wird.

Was aber geschieht wirklich in dem Verlies im Keller, wer hat das Mädchen entführt, ist Elissas Schicksal schon besiegelt oder hat sie noch eine Hoffnung, was hat Elijah vor, wird er ihr helfen zu entkommen?

Was man in der Hand hat, das ist ein Psychothriller der wirklich besonderen Art. Oft so spannend, ja beunruhigend, dass man sich beinahe Sorgen um den eigenen Blutdruck machen muss. Sam Lloyd schafft es immer wieder Wendungen so selbstverständlich und gleichzeitig so unvorhersehbar einzubauen, dass es einem den Atem raubt. Schien ein paar Absätze zuvor noch alles klar, so hat sich wenig später eine neue Richtung ergeben; dabei bleibt aber alles, jedenfalls im Nachhinein betrachtet, in logischer Folge – man glaubt es einfach. Da gibt es nichts, das der Autor aus dem Hut zaubern muss, was geschieht, ist immer eine Folge dessen, was davor geschah.

Die Spannung wird am Ende dann noch enorm erhöht, als alles in ein überlanges Finale mündet, das wiederum voller dramatischer Höhepunkte ist, packend bis zum Schluss (und das meine ich so: wirklich bis zur letzten Zeile!).

Hätte der Roman doppelt so viele Seiten, ich wäre dennoch nicht imstande gewesen, mit dem Lesen aufzuhören.

Großartig!
Für mich eines der Highlights des Jahres 2022




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