Buchbesprechung/Rezension:

Javier Cercas: Terra Alta
Geschichte einer Rache


verfasst am 13.09.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Cercas, Javier, Kriminalromane
LiteraturBlog Bewertung:

Ein Krimi aus Spanien – ein großartiger Roman über Menschen, Schicksale und Erinnerungen. Im Zentrum ein grausames Verbrechen an einem Ort, an dem man es niemals erwartet hätte, und ein außergewöhnlicher Ermittler.

Schauplatz ist die Kleinstadt Gandeso in der Region Terra Alta im Nordosten Spaniens. Ein Teil Kataloniens, dort wo man oft ganz genau zwischen Spaniern und Katalanen unterscheidet. In diesen Ort mit nur ein paar tausend Einwohnern wird der Polizist Melchor Marin versetzt. Was für andere wohl eine Strafversetzung bedeutet, das geschieht in seinem Fall zu seiner Sicherheit. Denn Melchor hat bei einem Terroranschlag (Realer Hintergrund ist der Anschlag in Barcelona im August 2017, in dessen Folge tatsächlich ein einzelner Polizist in der Kleinstadt Cambrils vier Terroristen erschoss) mehrere Terroristen getötet, er ist ein Held der Polizei. Wenn er auf der einen Seite ein Held ist, dann ist er auf anderen ein Ziel für Rache der Terroristen. Deshalb soll er nun dort seinen Dienst verrichten, wo sich quasi die Füchse Gute Nacht sagen, wo ihn niemand kennt.

Ein paar Jahre lang laufen sein Leben und seine Arbeit auch genau so ab, wie es zu erwartet war. Hin und wieder ein Diebstahl, manchmal eine harmlose Auseinandersetzung – die Verbrechensrate in Gandeso kaum der Rede wert und sein Job deshalb nicht sonderlich herausfordernd. Umso mehr hat er Zeit sich seiner Familie zu widmen; seine Frau Olga und seine Tochter Cosette sind sein Lebensmittelpunkt, mit ihnen hat er, der zuvor nur das Großstadtleben kannte, seine Heimat in diesem kleinen Ort gefunden.

Es ändern sich alles mit einem Schlag, als ein Unternehmer-Ehepaar ermordet wird. Nicht einfach umgebracht; die beiden alten Menschen werden stundenlang gefoltert. Ein Einbruch, der schiefgelaufen ist? Niemand mag daran glauben, es müssen Profis gewesen sie, die keine Spuren hinterlassen haben. Wozu aber dieser Ausbruch an Gewalt?

Nach Wochen ergebnisloser Ermittlungsarbeit wird die Sonderkommission aufgelöst, womit Melchor nicht einverstanden ist. Gegen den Widerstand und die ausdrücklichen Anweisungen seiner Vorgesetzten ermittelt er heimlich weiter. Es stellt sich aber heraus, dass jeder seiner Schritte sofort publik wird, als ob jemand genau beobachten würde, was er unternimmt.

Immer wieder lässt Javier Cercas seine Darsteller kurze Geschichten aus der Vergangenheit erzählen. Es geht um den Spanischen Bürgerkrieg, um die Schicksale der Menschen, die in Gandeso leben. Solche Abschweifungen führen in manchen Romanen dazu, dass man die eigentliche Geschichte aus dem Fokus verliert – nicht so hier, diese Erzählungen füllen den Roman mit Leben, sie ordnen das, was geschieht, richtig ein.

Die ausführlichste „Nebenerzählung“ ist tatsächlich die zweite Erzählebene von „Terra Alta“. Es sind die Rückblicke auf Melchors Leben, das genauso gut mit seinem frühen Tod bei einem Bandenkrieg hätte enden können. Als Teenager war Melchor auf dem besten Weg, ein Gangster mit kurzer Lebenserwartung zu werden; bis er nach einem persönlichen Verlust den Entschluss fasste, sich bei der Polizei zu bewerben.

Dann und wann findet man auch Hinweise auf die Lösung. Mit ein wenig Kombinationsgabe könnte man sich also schon vorstellen, wie das Verbrechen geschah. Doch wie sehr man sich damit auch der Auflösung angenähert haben mag – es wird sich herausstellen, das es bestenfalls ein Teil der Wahrheit ist; sehr spannend!

Javier Cercas benötigt keinerlei Effekthascherei. Wie er schreibt, das ist auch ohne Spannungsbeschleniger packend, überzeugend, berührend,  manchmal beinahe nüchtern, manchmal überschwänglich in der Ausschmückung von Details. Alles zusammen ergibt das einen Kriminalroman, der aus der Masse der Neuerscheinungen in diesem Genre ganz außerordentlich hervorsticht.

Der Nachfolgeroman mit dem Titel „Terra Alta 2 – Die Erpressung“ erscheint auf Deutsch leider erst im Juli 2022. Schade, denn ich könnte gleich weiterlesen …




Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top