Buchbesprechung/Rezension:

Thomas Hüetlin: Berlin, 24. Juni 1922
Der Rathenaumord und der Beginn des rechten Terrors in Deutschland


verfasst am 19.06.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Geschichte, Hüetlin, Thomas
LiteraturBlog Bewertung:

Ein Blick tief in die Seele und vor allem in die Abgründe einer ganzen Nation. Deutschland nach dem Ende des 1. Weltkrieges zerreißt beinahe im unüberwindbaren Graben zwischen den Fraktionen, die sich an den entgegengesetzten Ende des politischen und moralischen Spektrums gebildet haben.

Im 21. Jahrhundert kennen wir sie auch, die Stänkerer, die Aufrührer, die Populisten, die Gewalttätigen. Deren Verhalten und deren Aktivitäten sind darauf ausgerichtet, unsere Demokratie zu untergraben und, im noch besten Fall, eine Art „illiberale“ Demokratie zu erreichten. Bei aller Gefahr, die also auch gegenwärtig von solchen Gruppen und Personen ausgeht, ist es doch – noch – nicht mit dem vergleichbar, was sich nach 1918 in Deutschland (und auch in Österreich, aber das ist nicht Thema dieses Buches) ereignete.

Obwohl der Krieg selbst nicht direkt behandelt wird, so ist dieses Buch doch auch ein Antikriegs-Buch. Denn es beschreibt sehr anschaulich, was der Krieg mit denen macht bzw. machen kann, die aus ihm zurückkommen. Wer nichts anderes gesehen und eingelernt hat als Mord, Zerstörung, Gewalt, kann sich nur schwer in eine Welt wieder einordnen, die das hinter sich lassen möchte.

Aus dem Ersten Weltkrieg kamen viele zurück, die der Ansicht waren, von ihren militärischen Führern darin bestärkt, dass die Deutschen nicht von Feinden, sondern von anderen Deutschen besiegt worden waren. Die „Dolchstoßlegende“ wurde von Kriegstreibern wie Ludendorff und Hindenburg vehement vertreten und die nach dem Krieg orientierungslos gewordenen Offizierskader und Gefolgsleute des untergegangenen Kaiserreiches nahmen diese große Lüge vom Verrat durch die demokratischen Kräfte mit Begeisterung auf.

Alles, was es schon lange vor dem Krieg an Rassismus, Antisemitismus, germanischer Heldenverehrung und Verklärung der Vergangenheit gab, multiplizierte sich nun und hinzu kam das neue Feindbild des Bolschewismus.

In der Beschreibung der führenden Protagonisten dieser rechtsextremen Kräfte wird in geradezu unheimlicher Weise begreifbar, was in den Köpfen derjenigen vorging, deren Gedanken sich nur um Umsturz, Attentate und Vernichtung drehten. Stark vertreten waren dabei jene Gewalttäter, die schon in den deutschen Kolonien die Bevölkerung unterdrückten oder ermordeten, dann im Weltkrieg wie Gefallen am massenhaften Sterben fanden und, nach Deutschland zurückgekehrt, ihre Gewaltfantasien auf den Straßen der eigenen Heimat auslebten. Unterstützt von Polizei und Justiz.

Man darf aber jetzt auch nicht diejenigen kritiklos bejubeln, die die Feindbilder der extremen Rechten waren. Denn kaum jemanden gab es, der ganz frei war von dem, was in Deutschland (und wieder: auch in Österreich) zum Mainstream gehörte: Rassismus und Antisemitismus waren mehr oder weniger gesellschaftsfähig.

Der Mord an Walther Rathenau im Juni 1922 war nur eines der Verbrechen, die von Mitglieder der  diversen Verbände verübt wurden, die sich gebildet hatten, um die Weimarer Republik zu zerstören, getrieben von Hass auf alles, was sie nicht verstanden und was von ihrer eigenen völkischen Ideologie abwich. Die Demokratie, die Juden, die Sozialdemokraten – alles musste beseitigt werden.

Thomas Hüetlin hilft mit seiner Art zu schreiben dabei, in die Köpfe dieser Leute zu blicken, die Mitstreiter, Gleichgesinnte oder Wegbereiter von Hitlers NSDAP waren und ohne jedes Gewissen mordeten.

Alles ganz weit weg von uns … möchte man meinen. Doch in der Beschreibung der Vorgänge vor rund einhundert Jahren finden sich auch viele, allzu viele, Parallelen zu dem, was uns seit Jahren beschäftigt. Denn unverändert, völlig im Bewusstsein der erwartbaren Folgen solchen Handelns, treiben die Einpeitscher der extremen Rechten (die sich Pegida, AFD, Forza Italia, FPÖ, Rassemblement National oder Republikanische Partei nennen) ihre Anhänger dazu an, unsere Demokratien zu unterminieren. Immer wieder –  tatsächlich immer öfter, wenn man sich die Verbrechensstatistiken der vergangenen Jahre ansieht – macht sich dann einer dieser Fanatiker auf, um zu Prügeln, zu Morden oder zu Zerstören. Am Beispiel des Mordes an Walter Lübcke, der 2019 von einem Rechtsextremisten verübt wurde, beschreibt Thomas Hüetlin, wie diesbezüglich nahe einander Vergangenheit und Gegenwart sind

Der 24. Juni 1922 ist der Tag, an dem Walther Rathenau ermordet wurde. So ein 24. Juni hat seither aber unzählige Male wieder stattgefunden.




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