Buchbesprechung/Rezension:

Volker Kutscher: Mitte


verfasst am 16.10.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Kutscher, Volker
LiteraturBlog Bewertung:

Ein Briefroman, der an das Finale des zuletzt erschienenen Gereon Rath-Krimi „Olympia“ anschließt. Briefschreiber ist Fritze Thormann, der frühere Pflegesohn von Charly und Gereon Rath, der zunächst der systemtreuen Pflegefamilie Rademacher zugewiesen worden war und nun untergetaucht ist, auf der Flucht vor der Gestapo.

Das Jahr 1936, Gestapo und Jugendamt sind auf der Suche nach Fritze, der aber längst eine neue Identität angenommen hat, einen entsprechenden Pass hat er sich beschafft. Eine Arbeitsstelle beim Kohlenhändler Kleinfeldt hat er gefunden, eine richtige Ausbildung möchte er beginnen. Für ihn hat sich augenscheinlich alles zum Besseren entwickelt, doch von dem, was in der Zwischenzeit geschehen ist, hat er keine Ahnung.

Fritze schreibt an Hannah, eine frühere Freundin in Breslau, deren Familie schon vor dem Judenhass der Nazis geflohen ist, und er schreibt an Charly, die er gemeinsam mit Gereon in Prag vermutet. Als sein letzter Brief an Charly zurückkommt, erfährt er, dass die Reise nach Prag gar nicht stattgefunden hat. Und als er Charly in deren Berliner Wohnung besuchen möchte, erfährt er noch etwas viel Schlimmeres: Gereon Rath wurde im Einsatz von einem Gangster erschossen, von drei Kugeln tödlich getroffen fiel er in den Landwehrkanal und seine Leiche konnte noch immer nicht gefunden werden. Gereon wird als vermisst geführt, aber was soll er anders sein als tot?

Obwohl wir nur Fritzens Briefe kennen, erfahren wir daraus auch das, was Charly und Hannah an Fritze schreiben und so entsteht die ganze Geschichte. Die Briefform hat auch einen ganzen großen Vorteil: Der Briefschreiber kann so über das Wichtige, das passiert, berichten, die Geschichte dreht sich noch schneller weiter, als sie es in einem „normalen“ Roman getan hätte.

Fritze begegnet auf einer der Zustelltouren auf einem Mann, der ihm bekannt vorkommt. Zunächst kann er den überhaupt nicht einordnen, aber dann fällt ihm ein, wo er den Mann schon einmal gesehen hat: damals, im Olympischen Dorf, als er den Doktor Schmidt davon abhalten wollte, Selbstmord zu begehen. Der Unbekannte sollte helfen, verschwand aber einfach. Und nun steht ihm Fritze in einem Treppenhaus gegenüber.

Fritze möchte herausfinden, wer der Mann ist. In diesen Zeiten aber ist es sehr gefährlich, wenn man sich um mehr als um die eigenen Angelegenheiten kümmert. Immer findet sich jemand, der bedenkenlos Gewalt anwendet, die Wände haben Ohren und man kann schnell bei der Polizei verpfiffen werden und auch die Polizei selbst bietet keinen Schutz, wenn man sich als einmal nicht systemtreuer Bürger herausgestellt hat.

Dieser kleine Roman hat alles, was man braucht, um das Berlin des Jahres 1936, die Lebensumstände und die angespannte Atmosphäre zu fühlen, in der jede und jeder zu jeder Zeit von jemand anders denunziert werden konnte, in der jeden Augenblick die Gestapo vor der Türe stehen kann. Niemand ist am Ende vor dem Regime sicher.

„Mitte“ ist so etwas wie eine Brücke zwischen den großen Romanen. Lässt sich aber auch für sich alleine lesen, denn die Erklärungen reichen aus, um die erzählte Geschichte zu verstehen (wenngleich der Zusammenhang mit Gereon Rath dann fehlt) und die Spannung reicht auch für einen „großen“ Roman.




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