Buchbesprechung/Rezension:

Florian Illies: Liebe in Zeiten des Hasses
Chronik eines Gefühls 1929–1939


verfasst am 28.12.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Geschichte, Illies, Florian
LiteraturBlog Bewertung:

An der Schnittstelle zwischen Epochen: die späten 1920er und die 1930er-Jahre waren die Zeit des Umbruches. Da war noch der Nachhall der erst knapp ein Jahrzehnt zurückliegenden Monarchie, die Folgen der Niederlage im Ersten Weltkrieg, die in Deutschland die Extremsten an die Spitze des Staates hievte, die Vorboten der Neuzeit, die in den Jahren zwischen den Weltkriegen auftauchten und das alles andere Überschattende: die Machtergreifung der Nazis.

Eine also aus mehreren Gründen spannende Zeit, aus der sich Florian Illies das Thema Liebe und Leidenschaft vornimmt, um es genauer, ja akribisch zu beleuchten. Mann liebt Mann, Frau liebt Frau, Mann liebt Frau, Frau liebt Mann, manchmal sind es zwei, manchmal drei Menschen, die einander verbunden sind.

Was man in diesem Buch liest, das sind die Ausschnitte aus den Biografien eines sehr kleinen Teiles der Bevölkerung: Literatur, Musik, Schauspiel, Architektur – Illies‘ Porträts befassen sich ausschließlich mit damals und oft auch noch heute berühmten Menschen. Was einen recht verfälschten Eindruck der Zeit vermittelt. Denn für den überwältigend größeren Teil der Bevölkerung stellte sich der Alltag völlig anders dar, als für die Protagonisten dieses Buches.

Thomas Mann, Leni Riefenstahl, Marlene Dietrich, Erich Marie Remarque, Josephine Baker, Alma Mahler-Werfel, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir und dutzende mehr: das Personenregister am Ende des Buches – es umfasst neun dicht bedruckte Seiten – ist so etwas wie ein WHO-IS-WHO der Adabei-Szene des betrachteten Jahrzehnts..

Es sind kurze Szenen, die der Autor beschreibt, rascher Wechsel der Schauplätze, man wird meistens später zu den Personen zurückkehren, über die man zuvor schon gelesen hat und ihr weiteres Leben in beinahe voyeuristischer Weise verfolgen können. Von Liebe und Leidenschaft ist die Rede, von Zurückweisung und Hoffnung, von Intrigen und Betrug und dann, davon immer mehr im Fortgang der Jahre – von den dunklen Wolken, die sich über den meisten ausbreiten.

Die Grundstruktur von „Liebe in Zeiten des Hasses“ entspricht 1:1 der von „1913“, Illies‘ Bestseller aus dem Jahr 2012. Der Unterschied ist jetzt die Einschränkung des Personenkreises. Weil es im Grunde genommen nur recht wenige Personen sind, um die sich in diesem Buch alles dreht, begegnet man diesen immer wieder.

Es scheint, als ob die Szene, in der sich alle bewegten, überhaupt recht überschaubar war – denn was die Anzahl der verfügbaren Köpfe und deren wiederholtes Auftreten in unterschiedlichen Konstellationen betrifft, herrschte eine kunterbunte Durchmengung. Wenn auch Alma Mahler-Werfel mit ihren Liebschaften quer durch die Künstlerszene eine der wohl berühmtesten wechselwilligen Frauen (oder Männer, die konnten das auch) war, so hat man bei der Lektüre des Buches durchaus den Eindruck, als wäre das Bäumchen-Wechsle-Dich Spiel eine weitverbreitete und die bevorzugte Lebensweise gewesen. Kaum bei der einen Türe hinaus, tritt man schon bald bei der nächsten Tür hinein, durch die gerade jemand anderes herauskam.

So sehr das alles ein Bild des Lebenshungers und des Wunsches, vielleicht in der Vorahnung einer baldigen Katastrophe, nur nichts zu versäumen, sein mag, so sehr liest man immer mehr von immer gleichem, oder jedenfalls sehr ähnlichem Geschehen und sich irgendwann satt daran.

Zu Anfang ist das Buch manchmal aufregend, gelegentlich überraschend, wenngleich auch mehr eine Chronik der persönlichen Eitelkeiten und Verletzlichkeiten, als eine von Ereignissen mit nachhaltiger Bedeutung. Eben in der Mehrzahl mehr Klatsch und Tratsch, als bedeutende Nachrichten.

Der Vulkan bricht aus

Themen und die Dramatik ändern sich im Vorfeld des Jahres 1933 und noch weit mehr mit dem 31. Jänner 1933, als Hitler Reichskanzler wurde und die braunen Horden ungehemmt losschlagen konnten.

Der Vulkan, auf dem alle jahrelang getanzt hatten, bricht aus. War zuvor Deutschland das Zentrum der Menschen, so werden sie nun durch die Eruption in alle Winde verstreut. Rechtzeitige Emigration in die Schweiz, nach Frankreich, in die USA, in alle Weltgegenden retteten vielen das Leben, wenngleich Freunde und Familie zurückblieben. Die Jagd der Nazi auf alles Jüdische begann und wer nicht rechtzeitig fliehen konnte, wurde eingekerkert, seiner Habe und seiner Würde beraubt, in ein KZ gesperrt. Während viele starben, richteten es sich andere gut unter den neuen Verhältnissen in Deutschland ein, dienten sich Hitler und Goebbels als Aushängeschilder des Regimes an.

Jetzt ändert sich der Tonfall des Buches. Wenn auch weiterhin von Liebschaften die Rede ist, ist es ab nun die Barbarei, die das Leben aller bestimmt, ganz gleich, ob sie Opfer oder Täter sind. Für die kleine Gruppe Menschen, deren Weg Florian Illies weiter verfolgt, ist es ein Umbruch, der ihr Leben für alle Zeit verändert. Die kurzen Sequenzen, in denen darüber berichtet wird, machen die Wucht der Veränderung greifbar und spürbar.

Mein Fazit:
Eine breiter angelegte Themenauswahl hätte diesem Buch gutgetan. Über Menschen auch aus der Mitte der Gesellschaft, über mehr Verknüpfung zu dem Leben abseits von Leidenschaft und Sex zu lesen, hätte ich als sehr passend empfunden, weil es die Einordnung des Lebenswandels einer sehr kleinen Schicht von Künstlern und Intellektuellen in die historischen Ereignisse weitaus besser dokumentiert hätte.

So ist es das, durchaus interessante, Tagebuch Weniger geworden, die zwar zu ihrer Zeit bedeutend, aber nicht repräsentativ für die allgemein vorherrschenden Lebensumstände waren.




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