Buchbesprechung/Rezension:

Zoë Beck: Paradise City


verfasst am 10.09.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Beck, Zoë, Science Fiction
LiteraturBlog Bewertung:

Wie viele dystopischen Szenarien haben wir in den letzten Jahrzehnten in Filmen gesehen, über wie viele haben wir in Büchern gelesen. Menschen auf der Flucht, zu Wüsten mutierte Landschaften, verfallende Städte, steigende Meeresspiegel. Je weiter das 21. Jahrhundert voran schreitet, desto öfter sehen wir Bilder von genau solchen Zuständen schon jetzt in den Nachrichten: brennende Wälder überall, zerstörte Städte nach Erdbeben oder im Bürgerkrieg, Armut in vielen Weltregionen, die vom Reichtum abgehängt wurden.

Es scheint, als ob die früher noch ferne Zukunft immer schneller an uns heranrückt, als ob wir schon mitten drinnen wären.

Mit „Paradise City“ hat die deutsche Schriftstellerin Zoë Beck einen Roman geschrieben, der alles das und noch viel mehr in einem zukünftigem Deutschland wahr werden lässt.

Die meisten Menschen geht es gut, Krankheiten sind so gut wie ausgerottet, man wird immer älter, mehr als 20 Stunden pro Woche muss niemand mehr arbeiten. Ein umfassendes System der Gesundheitsüberwachung sorgt dafür, das alle rechtzeitig die richtige Behandlung erfahren. In dieser Zukunft ist die Bevölkerung des Landes nach Naturkatastrophen und Epidemien dramatisch zurückgegangen. Aber das ist doch auch zugleich eine gute Nachricht für die Natur, die nun nicht mehr so viele Menschen wie zuvor ertragen und ernähren muss. Die verbliebenen Menschen wohnen überwiegend in Megastädten.

Ist das eine nicht eine gute Perspektive?
Schaut doch – jedenfalls im Ergebnis – gar nicht so schlecht aus, oder?

Die Rechercheurin Liina arbeitet für einen der letzten unabhängigen Verlage des Landes und stößt Schritt für Schritt weiter vor hinter diese schönen Kulissen. Während die allermeisten Menschen zufrieden sind, sammeln Organisationen im Verborgenen Daten über jeden einzelnen. Das ist etwas, das wir jetzt schon kennen, doch in dieser Zukunft liefern diese gesammelten Daten noch viel mehr als „nur“ die passenden Werbeeinschaltungen für jede und jeden einzelnen.

Es ist die Beschreibung einer möglichen Zukunft. Wobei in den 2020er-Jahren solche Perspektiven ganz anders aussehen als Perspektiven, die man sich einhundert Jahre früher, in den 1920er-Jahren ausmalte. Damals wurde die Zukunft oft als sauber, voller hilfreicher Technologie erdacht. Denkt man heute an die Zukunft, dann weiß man zu einem großen Teil schon, wie sie aussehen wird: Klimawandel, politischer und religiöser Extremismus, Datensammlung: seit einigen Jahren geht die Entwicklung scheinbar unabwendbar in eine bestimmte Richtung.

Ein mögliches Ergebnis dieser Entwicklung beschreibt Zoë Beck in einer Weise, die ein genau solches Szenario als überaus realistisch erscheinen lässt: Ja, genau so könnte es geschehen.

Diese Vision einer gar nicht besseren Welt ist zwar nicht neu und einzigartig, aber durchaus gelungen. Ein Science-Fiction-Roman mit Bezug zu unserer Gegenwart, der das zusammenfasst, was wir heute über morgen zu wissen glauben. Überraschendes fehlt jedoch.

Weil aber auf dem Buchcover „Thriller“ steht, sollte es eben auch einen Thriller zwischen den Buchdeckeln geben. Den jedoch vermisse ich. Zwar geraten Liina und ihre Kolleginnen und Kollegen im Verlag immer mehr ins Visier einer unbekannten Organisation, doch Spannung im Sinne eines Thrillers kommt dabei nicht auf.

Insgesamt ein ganz gut gelungener und gut lesbarer Roman, der sich aber besser entschieden hätte, was er werden will: Thriller oder Science Fiction.




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