Buchbesprechung/Rezension:

Colson Whitehead: Der Koloß von New York
Eine Stadt in dreizehn Teilen


verfasst am 21.02.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kurzgeschichten, Whitehead, Colson
LiteraturBlog Bewertung:

Jahre, bevor Colson Whitehead zum gefeierten Autor und Dauergast auf den Pulitzer-Preisträgerlisten wurde, schrieb er kurze Geschichten über das New York, das nur die New Yorker kennen.

Eine andere Art eines Fremdenführers ist diese Sammlung von 13 kurzen Erzählungen über die Stadt, über Orte und Vorgänge, die oft unbemerkt bleiben oder wenig interessant erscheinen. Dazu noch Whiteheads kunstvolle und detailreiche Wortgemälde über uns allen sehr wohl bekannte Orte, doch aus anderen Perspektiven, als wir es gewohnt sind.

Beispielsweise der Spaziergang durch den Central Park. An einem der ersten Frühlingstage, in allen Richtungen ist etwas zu beobachten, überall kurze Momentaufnahmen des Lebens. Die Einsamen, die ihr tägliches Rendezvous mit den Vögeln haben; beide kennen den Platz, an dem man sich trifft. Die Kinder, endlich wieder draußen und etwas abseits, die Eltern, vertieft in Gedanken. Überall die Spaziergänger, die Verliebten. Alle an einem Ort, der es wie durch ein Wunder verstanden hat, zwischen den Betonbergen als Park zu überleben, wenn er auch keine richtige Natur zeigt, sondern nur eine, die Menschen nach ihren Vorstellungen gebaut haben.

Oder die Fahrt mit der U-Bahn. Nicht anders als in anderen Städten. Der Schmutz, die Enge, die Abscheu vor der Nähe zu den Mitreisenden und davor, was sie hinterlassen. Aber alle sind darauf angewiesen, ohne Subway keine funktionierende Stadt.

Vieles, was in New York passiert, passiert 1:1 auch in jeder anderen Großstadt der Welt. Doch wenn Whitehead darüber schreibt, wie es ist, wenn Regen fällt, dann meint man doch, hier wäre es ein wenig anders. Ein Taxi ergattern immer nur die anderen, man sich vor den Pfützen in Acht nehmen, die Hauseinfahrten sind überfüllt, wer keinen Regenschirm dabei hat, sucht Unterschlupf, die Schuhe, so stellt sich heraus, halten das Wasser nicht ab.

Auch zu Coney Island, die Brooklyn Bridge, den Times Square und weitere viele Orte und Begebenheit gibt es Verborgenes zu entdecken.

.. New York, New York …

Wenn man aus Mitteleuropa kommt, dann ist man andere Dimensionen gewöhnt, dann ist New York einfach nur riesig. Ein Organismus, lebendig wie ein Lebewesen, das sich laufend verändert. Wo es gestern noch nach Kleinstadt aussah, stehen heute die Wolkenkratzer. Das Kleine wird immer weiter nach draußen gedrängt und man fragt sich, wo da die Grenze sein wird. Erinnerungen an die Geschäfte, in denen man früher einkaufte und an deren Stelle heute die Filialen irgendwelcher Einkaufsketten oder Banken sind. Nicht anders als in anderen Großstädten, aber doch mit dem Flair des Big Apple.

Ein, wie ich denke, interessanter Aspekt dieser Geschichtensammlung ist das Jahr ihres Erscheinens: 2003 war es, nicht einmal zwei Jahre nach 9/11 und überall scheinen Normalität und Routine schon wieder Einzug gehalten haben.

Das alles betrachtet Colson Whitehead, dahin und dorthin fällt sein Blick und enthüllt Details und betrachtet Szenen, die wir ohne seine Mithilfe übersehen hätten. Jene, die von außerhalb kommen, erfahren, was es abseits von Empire State Building, Ground Zero und Broadway in New York noch zu erleben gibt.

Somit doch ein Fremdenführer, der in die Seele und die Atmosphäre der Stadt führt – um das zu entdecken, was ansonsten im Schatten der Wolkenkratzer bleibt, bedarf dieses Fremdenführers, der genau hinsieht und das dann in die richtigen Worte fassen kann.




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