Buchbesprechung/Rezension:

Andreas Pittler: Vienna Dschihad


verfasst am 09.06.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Pittler, Andreas
LiteraturBlog Bewertung:

Ein Beginn mit Grauen: das jedenfalls erfasst mich bei dem, was auf den ersten Seiten zu lesen ist. Wie junge Frauen durch archaische Traditionen in  die Rolle von zweitklassigen Menschen gedrängt werden; und wie ein paar Halbstarke, nur weil sie sich in der Überzahl und stark fühlen, mit aller Brutalität über eine einzelne, wehrlose Frau herfallen.

Es ist also nicht leicht, sich mit diesem Buch anzufreunden, doch man sollte es tun: Man sollte über die aufkommende Abscheu hinweg lesen, um in den neuen Pittler-Roman einzutauchen.

Auftritt Inspektor Glauber, Siegfried Glauber: Er ist der neue in der LKA Dienststelle, der designierte Nachfolger des derzeitigen Chefs Bertram Breitwieser, welcher wiederum sehnsüchtig seinen Pensionsantritt erwartet. Gerade frisch vom Lehrgang gekommen, geht Glauber seine neue Aufgabe mit dem gebührenden Respekt an, zugleich auch in der Erwartung, sich erst einmal in Ruhe einarbeiten zu können.

Aber so läuft das nicht. Glaubers erster Fall, gleich am Tag seines Dienstantrittes muss er sich der Sache annehmen, führt ihn in das Nationalitätengeschmisch eines Marktes in Ottakring, dem 16. Wiener Bezirk.  Aus aller Herren Länder kommen die Standler, was es für einen Polizisten nicht gerade einfach macht, einen Mordfall aufzuklären. Eine junge Türkin ist das Mordopfer, den Schädel hat man ihr eingeschlagen und anscheinend hat jemand etwas gesehen.

Wenige Monate zuvor hatte der Terroranschlag in der Seitenstettenstraße im 1. Bezirk viele Todesopfer gefordert und so muss man sich natürlich fragen, ob diese Tat auch etwas mit religiösen Fundamentalisten zu tun hat. Steht dieser Fall in Zusammenhang mit einem vom Tathergang ganz ähnlichen Mord an einer jungen Frau, wenige Tage zuvor auf einem Markt in Favoriten? Sagt der Buchtitel nicht genau das?

Ein Roman von Andreas Pittler hat nicht nur eine Dimension. Seine Geschichten nisten sich in die Zeit ein, in der sie stattfinden, verbinden sich mit dem Umfeld, mit den sozialen Verhältnissen. So ist schon Glaubers erster Besuch am Markt eine kleine Milieustudie mit den Menschen, mit ihrer so unterschiedlichen Herkunft. Als allzu reale Zutat, vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie, fügt sich hinzu, dass sich extremistische Ideologien aller Arten und Richtungen ausgebreitet haben. Die Welt, in der Pittlers Roman spielt, ist also nicht besser geworden, als sie es in der Vergangenheit war.

Gewöhnliche Verbrecher, die sich unter dem Deckmantel eines religiösen Fanatismus stark und mächtig fühlen. Ein Nachrichtendienst, der mehr mit sich selbst, als mit dem Aufspüren von Verbrechern beschäftigt ist. Die Nerven der Menschen liegt oft blank, nach Monaten der Einschränkungen und nach einigen Lockdowns. Selbsternannte Propheten, die Anhänger finden, so absurd die von ihnen verbreiteten Lügen auch sein mögen. Unverständnis und Vorteile gegenüber den Mitmenschen, nur weil diese eine andere Sprache sprechen (Wenn wir nur ein wenig darüber nachdenken, fallen jeder und jedem von uns sicher noch viel zu viele Beispiele für Ursachen von Konflikten ein).

Aus diesen Elementen macht Andreas Pittler einen Roman, auch eine detailreiche Beschreibung des Lebens in Wien, abseits der schön herausgeputzten Viertel, der bekannten Orte und Sehenswürdigkeiten. Wie sehr sich doch oft Schein und Sein voreinander unterscheiden, wie es in den Vorstädten so ganz anders zugehen kann, als in den Zentren. Wenn zu lesen ist, wie so der Nährboden für Wirrköpfe entsteht, so ist auch zu lesen, dass man die Schuld dafür nicht nur ein paar wenigen Außenseitern geben kann, sondern dass wir uns alle an der Nase nehmen müssen und gewisser Weise alle unserem Anteil daran haben.

Das ist die Stadt, das ist die Zeit, in der Inspektor Glauber Mörder finden muss, die schon wieder auf der Jagd nach neuen Opfern sind. Dass die Lage nicht hoffnungslos ist, sieht man, sieht Glauber daran, dass er viel Unterstützung bei Menschen findet, die es nicht hinnehmen wollen, dass die Gewalt am Ende gewinnt.

Was der Roman noch thematisiert:
wie sehr sich vorschnelle Urteile von dem unterscheiden (können), was tatsächlich geschieht; wir kennen das, es begegnet uns täglich, wenn wieder einmal in sozialen Medien, bei Messenger-Diensten, in Internet-Foren jemand beschuldigt wird, wenn ein Shitstorm losgetreten wird, ohne dass es dazu eine Basis oder auch nur den geringsten Nachweis gibt. 

PS: Glaubers nervende Ehefrau Nicki muss nicht sein; die ist zu sehr Klischee …




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