Christian Klinger: Tote Vögel singen nicht

verfasst am 09.02.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Klinger, Christian, Kriminalromane
LiteraturBlog Bewertung:

Ein windiger Anwalt, eine Unterwelt, die Wien aussehen lässt wie Chicago, die Schickeria der Stadt samt und sonders ein korruptes und charakterloses Pack: Christian Klinger lässt ein paar der Bewohner Wiens in seinem Thriller „Tote Vögel singen nicht“ gar nicht gut aussehen. Wenn man dazu noch die eine oder andere, natürlich nur ganz vage, Ähnlichkeit mit möglicherweise lebenden Vorbildern findet …

Es beginnt ein wenig wie ein „Hard-Boiled“-Krimi, ein Genre, das ich normalerweise meide, weil ich zu viele coole Typen und gewissenlose Brutalos auf einem Fleck einfach nicht mag.

Der Anwalt, sein Name ist Cosinus Gauß (der Name färbt gewissermaßen auf ihn ab, man wird darüber lesen), wacht nach einer durchfeierten Nacht in einem Hotelzimmer auf. Seine Erinnerung an den Vorabend reicht so weit, dass ihm noch bewusst ist, dass er die (besser gesagt: sie ihn) junge Frau für einen One-Night-Stand von der Schickimicki-Party abgeschleppt hat. Aber die Erinnerung reicht nicht so weit, dass er wüsste, warum seine Eroberung – drapiert wie Schneewittchen im gläsernen Sarg – jetzt sehr tot und sehr übel zugerichtet neben ihm im Bett liegt.

Er ist aber so weit bei Sinnen, um aus seiner berufsmäßigen Verbindung zur Unterwelt, und weil er auch selbst lukrativen illegalen Geschäften nicht abgeneigt ist, zu wissen, dass alles ganz eindeutig auf ihn selbst als Mörder hinweist. Er muss improvisieren um 1. nicht mit der Leiche gefunden zu werden, 2. die Spuren seiner nächtlichen Anwesenheit zu verwischen, 3. unerkannt das Hotel zu verlassen und 4. selbst herauszufinden, wer für die ganze Schweinerei verantwortlich ist.

Zunächst verschafft ihm seine täuschende Ähnlichkeit mit einem allseits bekannten Wirtschaftskapitän (eine Sekunde bitte, ich muss nachdenken, an wen mich der Name Sigurd Renko erinnert … hm … egal) etwas Ruhe – denn die Aufnahme aus den Überwachungskameras des Hotels zeigt zwar, einigermaßen erkennbar, ihn selbst, alle Welt glaubt aber, es wäre der andere.

Der Roman läuft in Stil und Tempo ein wenig so ab, wie man es von Mike Hammer oder aus einem anderen dieser klassischen amerikanischen Detektiv-/Anwaltskrimis kennt: Zack, Zack (das dritte Zack lasse ich weg, obwohl sich der wahre Urheber des 3-fach-Zack mit Sicherheit auch unter den im Buch auftauchenden Ungustln befindet – oder schon wieder auf Ibiza, wer weiß das schon). Auch eine passend zum Genre unter- und meist zu spät bezahlte Sekretärin bewacht den Zugang zu ihrem Boss im schäbigen Altbaubüro.

Alles das stellt sich zu meiner großen Freude schon bald nicht als die knallharte Geschichte heraus, wie es ich zu Beginn befürchtet hatte. Es ist vielmehr ein actionreicher Wien-Thriller inklusive Parodie auf die Coolen und die selbsternannten Wichtigen der Stadt. Dass dabei ein paar verdächtig bekannt wirkende Figuren in der Handlung herumirren, ist amüsant und spornt dazu an, sich zu überlegen, wer wohl deren reale Gegenstücke sind. Was einem aber bei Namen wie Renko und Brache nicht allzu schwer gemacht wird. Wozu mit dann auch gleich Falco einfällt: „Der Schnee, auf dem wir alle talwärts fahren …“

Christian Klingers Krimi-Thriller-Satire ist sehr kurzweilig zu lesen, unterhält ausgezeichnet und ist darüber hinaus auch noch richtig spannend.

Kurzum: wirklich gut gelungene Unterhaltung mit einer ordentlichen Portion Gegenwartsbezug. Lädt dazu ein, gelesen zu werden (und Vergnügen dabei zu haben, sich die realen Vorbilder der einzelnen Figuren des Romanes in den hier beschriebenen Situationen vorzustellen).




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