Christian Klinger: Winzertod

verfasst am 16.05.2012 von | 1 Kommentar
Rubriken: Klinger, Christian, Kriminalromane

Damit man gleich weiß, wohin man von diesem Krimi entführt wird: zu Beginn steht eine kurze Gebrauchsanweisung für Wien, eine, aus der man leicht heraus lesen kann, dass der Autor nicht nur dort lebt, sondern das auch sehr gerne tut. So eingestimmt, ist es an der Zeit ein neues Mitglied der ( soeben von mir erfundenen) Vereinigung der österreichischen Kriminalliteratur-Helden kennen zu lernen:  Marco Martin (spricht man das eigentlich mit Betonung auf der 1. oder der 2. Silbe aus?), Privatdetektiv mit gehobener Klientel und Wohnsitz mitten im noblen Heurigengürtel der Stadt.

Zu seinem neuesten Fall kommt Martin dann auch wegen der geografischen Nähe seiner Wohnung zum Tatort. Der gehört einem gewissen Fadinger, seines Zeichens Neustifter – pardon – Neufrieder Szenewirt, wo sich allabendlich alles und jede/r mit Lust auf persönlicher Präsenz in einer Adabei-Kolumnen oder -Sendungen versammelt. Martin fühlt sich von der Angelegenheit sofort direkt betroffen, denn das Sirenengeheul der Feuerwehr und der Brandgeruch hatten ihn an jenem Morgen aus dem Bett geholt und direkt zu Fadingers Anwesen geführt.

So weit – nämlich zu wissen, dass es sich um ein Verbrechen handelt – sind wir noch nicht, denn noch brennt es und die Polizei schickt alle Schaulustigen weg, Martin inklusive. Doch es gibt sie eben, die Detektiv-Spürnase, und sogleich versucht Martin mehr zu erfahren, denn so eine “warmer Abriss” erscheint ihm doch reichlich seltsam. Seltsam angesichts der permanenten Versuche von Baufirmen, in der Gegend statt der Heurigen und Weinberge immer mehr und immer teurere Appartmenthäuser und Villen zu errichten.

Martin riecht förmlich (mitten durch den beissenden Gestank des richtigen Feuers) einen neuen Auftrag, denn alles andere als Brandstiftung muss unter solchen Umständen wohl ausscheiden. Dieser Verdacht erhärtet sich, als die verkohlte Leiche eines alten Mannes gefunden wird.

Und dann geschieht in Oberlaa, genau am entgegengesetzten Ende der Stadt, ein Mord und wieder ist das Opfer ein alter Mann. Und auch diese Tat hat etwas mit Grundstücken und Baufirmen zu tun. Die Gemeinsamkeiten mögen reiner Zufall sein, wer will das wissen? Noch sieht niemand eine Verbindung, sowohl Marco Martin als auch Gruppeninspektor Krasberger (der Ermittler im Fall Oberlaa) tappen anfangs völlig im Dunkeln. Aber, wie es eben bei guten Ermittlern so ist, lassen beide nicht locker, was uns als LeserIn ein fortgesetzt ungetrübtes Lesevergnügen beschert.

Weiter soll auch nichts über die Geschichte enthüllt werden, vielmehr kommen jetzt Buch und Autor an die Reihe. Was mir von Anfang an ausnehmend gut gefällt, das sind die kleinen, aber äußerst feinen, Bonmotscherln, mit denen uns Christian Klinger versorgt. Man kann richtig nachvollziehen, wie da einer durch die Strassen und Gassen wandert und mit scharfem Blick sieht, was oberflächlich betrachtet nicht auffällt. Und dabei treffend und pointiert charakterisiert. Gut, Klinger überlässt das in diesem Fall natürlich dem Marco Martin, aber der muss es ja auch von irgendwo her haben.

Treffsichere Formulierungen sind die eine Seite, eine spannend und logisch aufgebaute Handlung die andere. “Winzertod” ist ein Krimi, der es versteht, beim Lesen zu fesseln und der Umfang des Romans lässt es zu, das an einem verregneten Wochenende zu schaffen. Die Handlung kreist um etwas Unsichtbares, man spürt, dass man sich einer zentralen Erkenntnis nähert, doch weiß lange nicht, worum es sich dabei handelt, zappelt gewissermaßen an der langen Leine des Autors.  Gut, das sich das Wetter an jenem Wochenende, an dem ich das Buch gelesen habe, mit ausreichend Regen sehr kooperativ zeigte, denn ich wollte “Winzertod” keinesfalls zur Seite legen, bevor ich das Ende kannte.

Mit Marco kommt ein neuer Krimiheld daher, der ein wenig einsam durch die Welt geht (klar, das passiert einem Privatdetektiv ja oft, verlassen zu werden gehört ja praktisch zur Jobbeschreibung). Eigen sind ihm auch die nötige Hartnäckigkeit und eine gute Portion Mitgefühl. Ein netter Mensch also, mit dem man sich auch einmal privat (auf ein Kracherl natürlich) zum Heurigen setzen könnte.

Fazit:  Christian Klinger erschuf eine neue Figur, deren Persönlichkeit eine Vielzahl an Facetten hat, von denen in diesem Roman erst ein paar zum Vorschein kommen. Es bleibt, so mein Eindruck, noch viel zu erzählen und viel zu entdecken – was auf weitere “Marco-Martin-Krimis” hoffen lässt.


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