Georges Simenon: Die Zeit mit Anaïs

verfasst am 29.01.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Simenon, Georges
LiteraturBlog Bewertung:

Gibt es so etwas wie einen gerechtfertigten Mord? Viele Mörder mögen der Meinung sein, es hätte ihnen zugestanden, das Opfer umzubringen; aber sind diese Beweggründe denn ausreichend, um einen Richter davon zu überzeugen, dass man richtig und recht gehandelt hätte?

Albert Bauche hat einen Mann getötet. Niedergeschossen und dann erschlagen. Dieser Mann, Serge Nicolas hieß er,  war sein Geschäftspartner und auch der Geliebte seiner Frau. Albert hat ihn getötet und sich nach einer Irrfahrt in die Umgebung von Paris selbst der Polizei gestellt. Denn was er getan hat, dazu steht er auch, Bauche ist ein Ehrenmann (was er der Polizei auch begreiflich machen möchte).

Alles passt für Albert Bauche genau zusammen, man wird ihn verstehen. Er enthüllt also wie selbstverständlich sein Motiv. Je länger dann aber die Verhöre bei der Polizei, dann beim Untersuchungsrichter und die Gespräche mit seinem Anwalt dauern, desto mehr begreift er, dass ihn niemand tatsächlich versteht, dass seine scheinbar so zwingenden Gründe niemanden interessieren. Selbst sein Anwalt möchte zur Verteidigung ganz andere Argumente vorbringen, als Albert selbst, der sich weiterhin keiner Schuld bewusst ist, der nur getan haben will, was getan werden musste.

Sein seltsames Auftreten führt dazu, dass Albert Bauche durch den Psychiater Méchouard untersucht wird. Ein Schritt, den auch sein Anwalt unterstützt, denn der sieht in einer Unzurechnungsfähigkeit seinen Mandaten die einzige Chance, dass dieser der Todesstrafe entgeht.

Simenon erzählt in diesem Roman von einem Mann, der felsenfest von seinem gerechten Handeln überzeugt ist. Auch wenn er in den Gesprächen mit dem Untersuchungsrichter, dem Psychiater und seinem Anwalt zu verstehen beginnt, dass die Tat ein Ergebnis seines von der Norm abweichenden Verhaltens gegenüber Frauen ist, so wankt er zwar, bleibt aber unverrückbar bei seiner Ansicht.

Der Roman ist aus Bauche’s Sicht geschrieben, er ist auch der Ich-Erzähler. Damit gibt sich gibt Simenon die Möglichkeit, über alle die Gedanken und Irrwege in dessen Geist zu schreiben, wie seine Verwirrung immer größer wird, als er sich an Ereignisse erinnert, die ihm damals aus einem gänzlich anderen Licht erschienen, als sie heute. Bauche sucht und findet in dem Psychiater Méchouard endlich jemanden, von dem er glaubt zu wissen, dass er ihn versteht; ihm möchte er sich öffnen.

Ein Roman, der spannend ist und schnell zu lesen, der aber wohl eher in der „Schreibfabrik Simenon“ als in der „Kreativfabrik Simenon“ entstand.

 




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