Laurent Binet: Eroberung

verfasst am 17.12.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Binet, Laurent, Science Fiction
LiteraturBlog Bewertung:

Wenn zwei historische Ereignisse ganz anders abgelaufen wären, als wir es kennen: Die Wikinger gelangen auf ihren Entdeckungsreisen bis nach Mittelamerika und hinterlassen dort ihre Spuren. Christoph Columbus kehrt niemals von seiner Reise zurück und in Europa weiß niemand etwas über den neuen Kontinent.

Warum auch nicht, oft hängen große Weichenstellungen von kleinen Details ab, die man wahrscheinlich zum Zeitpunkt des Ereignisses nicht einmal für wichtig nimmt. Das, was Laurent Binet beschreibt, ist also einfach eine andere Option, die die Geschichte gehabt hätte.

Nach zwei kurzen Kapiteln, in denen diese abgewandelten Geschichten über die Wikinger und Columbus erzählt werden, entsteht das neue Bild der Welt: ein Bild, in dem sich das alte Europa ganz unvorbereitet mächtigen Aggressoren aus einer unbekannten Welt unterwerfen muss. Zunächst – im Erzählstil erinnert es mich an ungemein die griechischen Göttersagen –  müssen wir natürlich über die Verhältnisse in Südamerika unterrichtet werden.

Wie das Reich der Inka zunächst unter zwei Brüdern aufgeteilt wurde, wie die beiden dann Krieg gegeneinander führten und wie der eine, Atahualpa, vor dem Heer des Halbbruders über das Meer fliehen musste. Er gelangte mit seinem verbliebenen Hofstaat und dem kläglichen Rest seines Heeres die Inseln Kuba. Das geschah nur vier Jahrzehnte, nachdem Fremde mit ihren Schiffen über den Ozean gekommen waren; dabei handelte es sich um Columbus und seine Expedition, der Mitglieder hier auf der Insel den Tod fanden. Sie hinterließen aber ein paar ihrer technischen Gegenstände, darunter auch die Waffen, die Kugeln mit Schießpulver verschießen; vor allem aber hinterließen sie ihre Landkarten und zwei nicht mehr seetaugliche Schiffe. Atahualpa konnte nicht auf der Insel bleiben, denn das Heer seines Halbbruders verfolgte ihn bis hierher. Es blieb nur die Flucht über den Ozean – nach Osten. Das Ziel fanden sie in den alten Karten Columbus‘: Europa!

Atahualpas Eintreffen in Europa fällt mit einem verheerenden Erdbeben zusammen, das Lissabon zerstört (gemeint ist jenes im Jahr 1531). Gemeinsam mit nur 182 „Quietanos“, den letzten des Volkes mit diesem Namen, betritt er die neue Welt.

Was nun folgt – wir befinden uns am Beginn den 16. Jahrhunderts – ist eine Reise quer durch die Geschichte, sind Zusammentreffen mit den prominentesten Persönlichkeiten dieser Zeit, zu den Orten und Sehenswürdigkeiten an denen geschichtsträchtiges geschah; nur eben aus einer ganz anderen Perspektive erlebt, als wir sie kennen. Karl V., der Habsburger, Herrscher über das Reich, in dem die Sonne nie untergeht, wird Gefangener Atahualpas, woraus sich eine gänzliche andere Entwicklung Europas ergibt, als sie bislang vorgezeichnet war.

Wenn nun viele weitere historische Figuren Auftritte im Buch haben, so absolvieren sie diese ebenfalls in umgeschriebenen Rollen: Luther, Heinrich VIII, Erasmus von Rotterdam,

Die Erzählung mutet ein wenig an wie die eines Kindes, das staunend immer wieder auf neue Dinge trifft und viel Neues erlebt, ohne zunächts alles davon wirklich zu verstehen. Es ist eben die umgekehrte Welt: wie die spanischen Konquistadoren in Mittel- und Südamerika nichts von den Hintergründen wussten (und sich nicht dafür interessierten), so weiß nun Atahualpa wenig von den Gebräuchen Europas. Und liest man nun diese Geschichte aus Sicht eines Inkas, so erscheinen einem die religiösen Dogmen, die Macht der Inquisition, die höfischen Sitten und überhaupt die gesellschaftlichen Verhältnisse ebenso seltsam und das Staunen der Leute von jenseits des Atlantiks überaus verständlich.

Im Gegensatz zu den Spaniern in unserer Welt überziehen die Südamerikaner in dieser Welt den neu entdeckten Kontinent nicht mit purer Gier und Gewalt. Atahualpa verändert Europa, ohne es zu zerstören; etwas, das die Europäer bei ihren Eroberungen und Entdeckungen nie schafften, sie betrachteten sich bekanntermaßen grundsätzlich als überlegen und die Einwohner der fernen Länder als primitiv.

Die Sprache des Romanes ist bemerkenswert einfach – Laurent Binet bemüht keine komplizierten (Satz- und Wort-)Konstruktionen, sondern er lässt das Staunen der Neuankömmlinge sich im Stil und der Ausdrucksweise des Berichtes widerspiegeln.

Das wird manchmal zwar etwas langatmig, oft dann, wenn er die „Quietanos“ wieder etwas über die „Orientalen“ (das sind wir, die Europäer, aus der Sicht derer, die vom Westen kamen) erfahren lässt. Doch die gespannte Erwartung, über welche weiteren Wendungen man noch lesen wird, bleibt immer erhalten und damit auch die Freude beim Lesen. Zum Spaß gesellt sich dann und wann noch das Bewusstsein, wie gewissenlos die Europäer, eben unsere Vorfahren, einst über die Welt herfielen.

Dieser Roman ist fast ein Muss für alle, die sich gerne von solchen Alternativwelt-Fantasien anstecken und mitreißen lassen, wie Laurent Binet sie in diesem Roman entwickelt hat; es lässt sich ganz wunderbar mit-fantasieren und darüber zu spekulieren, was vielleicht auch möglich gewesen wäre.

Binets Alternativwelt ist so schlüssig, so logisch, so abgerundet, wie es sonst nur noch die Realität sein könnte – eine völlig neue Chronik Europas in der Zeit zwischen Mittelalter und Renaissance. Ein rundum bemerkenswertes Buch!




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